Müllers Beste

Keiner hat wie Heiner Müller die Kunst des Interviews gepflegt. Im Gespräch entwickelte er die Gedanken, im Dialog entlud sich seine Lust an der Pointe, am Widerspruch, am Paradox. Zu seinem 80. Geburtstag sind im Suhrkamp Verlag drei dicke Bände erschienen: Alle Gespräche von 1965 bis 1995, ein riesiger Fundus an Zeitgeschichte und Weltbetrachtung, an Aphorismen, Analysen und Prophetensprüchen aus der unerschöpflichen Dichterdenker-Werkstatt. Eine Auswahl der besten, letzten, tiefsten Worte

Theater heute - Logo

Band 1 1965–1987

Was in Deutschland überhaupt schlecht funktioniert, ist das Mittlere. Es gibt nur Superspitzenprodukte und Scheiße, das Mittlere hat, als Quantität, nicht stattgefunden – in allen Kunstgenres, glaub ich. Es hat nie eine Mitte gegeben. mit Harun Farocki, 1981

Mein Hauptinteresse beim Stückschreiben ist es, Dinge zu zerstören. Dreißig Jahre lang war Hamlet eine Obsession für mich, also schrieb ich einen kurzen Text, HAMLETMASCHINE, mit dem ich versuchte, Hamlet zu zerstören.

Die deutsche Geschichte war eine andere Obsession, und ich habe versucht, diese Obession zu zerstören, diesen ganzen Komplex. Ich glaube, mein stärkster Impuls ist der, Dinge bis auf ihr Skelett zu reduzieren, ihr Fleisch und ihre Oberfläche herunterzureißen. Dann ist man mit ihnen fertig. ebenda, 1982

Ein Grunderlebnis von Intellektuellen ist Scheitern, und wenn es an der Steuererklärung ist. Dann macht man daraus eine Religion. Das ist auch ein wesentlicher Grund, warum ich in der DDR bleibe, weil ich dort keine Steuererklärung zu schreiben brauche. Hier könnte ich ohne das wahrscheinlich gar nicht existieren. mit Rolf Rüth und Petra Schmitz, 1982

Ich bin ja auch ein Stück DDR-Realität. Und ich ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Januar 2009
Rubrik: 80 Jahre Heiner Müller, Seite 4
von

Vergriffen
Weitere Beiträge
Midlife und andere Krisen

Die neue Saison war noch keine acht Wochen alt, da stand es für das Feuilleton einer überregionalen Zeitung schon fest: Die Berliner Bühnen stecken in der Krise. Das Deutsche Theater, eben noch in Bernd Wilms’ letzter  Spielzeit zum «Theater des Jahres» gekürt, unter Interims-Intendant Oliver Reese wegen Renovierung des Großen Hauses auf Zelt und Kammerspiele...

Sex, Lust und Videos

Sex also. In acht Bildern, nicht von seinen schönsten Seiten: Zwei Jugendliche beim ersten Mal stellen fest, dass Sie einen Fischschwanz trägt. Die junge Frau unterbricht, wenn es am schönsten ist, weil sie in ihrem Liebhaber den Tod erkennt. Die Mustergatten zeugen ein Musterkind im Heimvideo. Eine 14-jährige Neu-Leda empfängt einen Schwan und gebiert ein Ei. Eine...

«Ich gieße meine soziale Skulptur»

In der Berliner Wohnung Laberenz/Schlingensief. Christoph Schlingensief kocht Tee.

Christoph Schlingensief Das ist ein Antikrebstee aus Japan …

Eva Behrendt Im Ernst?

Schlingensief  Nee. Du kriegst ganz viel so Zeug, Teufelskralle, Katzenkralle, davon zwei Liter am Tag trin­ken, und dann geht der Krebs zurück. Mir wur­de Hypnose angeboten, ein Apotheker hat mir ein...