Ich ist ein Arschloch

In der Berliner Schaubühne macht Milo Rau sich, dem Theater und der eurozentrischen Betroffenheit den Prozess: «Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs»

Theater heute - Logo

Ich bin auch nur ein Arschloch», outete sich Milo Rau unlängst in der Schweizer «Sonntagszeitung». Der Grund, in Kürze: Unser aller eurozentristische Betroffenheitskultur – vulgo: Mitleid – angesichts der weltpolitischen Lage verschiebe real zu führende Debatten in symbolische Entlastungsräume und mache uns somit zu «zynischen Humanisten».
Knackige, aber korrekte Analyse also – zu der «Mitleid. Die Geschichte des Maschinen­gewehrs» in der Berliner Schaubühne jetzt sozusagen der Theaterabend ist.

Im Zentrum steht, im gediegenen blauen Strickminikleid, die Schauspielerin Ursina Lardi – und zwar als punktuell an der eigenen Biografie entlang gestrickte Kunstfigur Lardi, welche erst mal ihre produktionsvorbereitende Recherchereise auf der Refugee-Route referiert und bei dieser Gelegenheit auf «klimatisierte Busse» zu sprechen kommt, die sie in einem Flüchtlingslager an der griechisch-mazedonischen Grenze beobachtet habe und die ihrer Meinung nach aufgrund des «Hipster»-Faktors der Insassen «direkt aus Berlin oder Paris» kommen könnten. Das, so fragt die Kunstfigur Lardi sich – und uns – rhetorisch, solle «die größte humanitäre Katastrophe des Jahrhunderts» sein?

An diesem Punkt kommt ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute März 2016
Rubrik: Aufführungen, Seite 10
von Christine Wahl

Weitere Beiträge
Köln: Die Tücken des Ungesagten

Familiendramen finden noch öfter in der Wirklichkeit statt als auf der Bühne. Aber auch der im 19. Jahrhundert entwickelte Dramentypus ist unverwüstlich. Jens Albinus, der dänische Filmschauspieler, Dramatiker und Regisseur, hat diese Tradition weitergeschrieben. In seinem neuen Stück scheinen die Grundrisse aller Vorgängermodelle durch. Aber er treibt die Analyse...

Kiel: Medea Margaret

«Willst du manchmal etwas kaputt machen?», fragt John (Felix Zimmer). Und Cathy (Jessica Ohl) antwortet nicht, Cathy küsst John, mit aller Kraft, die sie in einen Kuss legen kann, als unterprivilegierte, aber aufstiegsorientierte Teenagermutter Ende der Siebziger in Nordengland. Cathy und John küssen sich, und dann machen sie alles kaputt. Er betrügt sie mit ihrer...

Fanveranstaltung: Tricks of the Light

Es ist fürwahr nicht leicht, den Glamour des alten Hollywood an diesen Ort zu tragen. In der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel, wo allabendlich große Massen Publikum verklappt werden, lenkt eine beflissene Lautsprecherstimme die Zuschauerströme vor die jeweils richtige Eingangstür: für Wladimir Kaminer bitte nach K6, für «Nazisupermenschen» von Showcase Beat le Mot...