Karlsruhe: Kleiner Körper, große Wirkung
Plötzlich steht da dieser kleine Körper auf der Bühne. Eigentlich ist Maybelle schon vor Stückbeginn tot: Ihr Name steht groß auf der Bühnenrückwand, der untere Strich des letzten Buchstabens zieht sich lang hin und bricht dann plötzlich ab wie ein Kardiogramm. Doch Regisseurin Anna Bergmann bringt die kleine Tochter des Musikerpaares Elise und Didier als verkörperte Erinnerung auf die Bühne. Allerdings nicht durch ein Kind dargestellt, sondern durch eine Puppe, mit unaufdringlicher Natürlichkeit geführt durch Julia Giesbert.
Damit erhält ihre deutschsprachige Erstaufführungsinszenierung eine Dimension, die weder im 2008 uraufgeführten Bühnenstück des belgischen Duos Johan Heldenbergh und Mieke Dobbels enthalten ist noch in der erfolgreichen Verfilmung durch Felix Van Groeningen 2013: Im Originaltext wird von dem Kind nur gesprochen, der Film zeigt es leibhaftig in Rückblenden. Bergmanns Entscheidung, eine Puppe auftreten zu lassen, vermischt diese Ebenen und schafft dadurch eine dritte: Die Interaktion zwischen den trauernden Eltern und ihrer erinnerten Tochter wirkt gerade durch diese Abstraktionsebene besonders berührend, da man sie als Zuschauer im Kopf ergänzt. Wenn ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juni 2019
Rubrik: Chronik, Seite 52
von Andreas Jüttner
Ein wenig verwundert es schon, dass das Nationaltheater Mannheim jetzt ausgerechnet Heinrich Bölls «Ansichten eines Clowns» auf die Bühne bringt, einen Roman, dem der Mief der 1950er Jahre anzuheften scheint und der satt ist an gutmenschlicher Moral und Empörung, die heute nicht mehr so recht en vogue sind. Doch der passionierte Nonkonformist Hans Schnier, aus...
Die Kamera saugt sich am Gesicht der Mutter fest, der eine Träne über die Wange rinnt, und springt zurück zu den fiebrigen Augen der Moderatorin, die schon wieder ihren nächsten Gast angeht, um ihm ein Gefühl, ein Zitat, eine authentische, zutiefst menschliche Regung zu entringen. An tatsächlicher Auseinandersetzung hat diese Polit-Talkerin à la Anne Will null...
Vor zwei Jahren stand in Heidelberg ein 64-Jähriger vor Gericht, dem Amtsanmaßung, Titelmissbrauch und versuchte Nötigung in mehreren Fällen vorgeworfen wurde. Der Mann hatte sich als Bürgermeister ausgegeben und honorige Heidelberger erpresst: Er verlangte von ihnen Irrsinnssummen, wenn sie ihm nicht eine beglaubigte «Gründungsurkunde» der Bundesrepublik...
