Projektionen, Projektionen
Man sitzt auf rotem Samt im Cuvilliéstheater, feinstes Rokoko aus dem 18. Jahrhundert, vorrevolutionär versteht sich, als Fürsten die Kunst gern noch zum Spiegel ihrer Herrlichkeit erklärten. Auf der Bühne vorn an der Rampe aufgereiht vier rote Polsterstühle wie in den Logen, dahinter schwebt eine dunkle Wand, mindestens fünf mal fünf Meter, aus zusammengeschweißten Platten, wuchtig karg und dekorativ zugleich.
«Der Riss durch die Welt» heißt das Auftragswerk, mit dem sich der Uraufführungsreigen zu Beginn der Intendanz von Andreas Beck am Münchner Residenztheater fortsetzt. Tatsächlich ist es die alte Kluft zwischen Reich und Arm, privilegiert und ausgeschlossen, die sich durch die Eskalation der multiplen globalen Krisenlage nur noch verschärft, die Abschottung und die tödlichen Grenzen, über die auch Kunst keine Brücken bauen kann, weil sie in Teilen zumindest immer auch Teil des Systems ist. Roland Schimmelpfennig hat dazu nach bewährter Methode Gegenwartskonfliktpotenzial mit archaischer Erzählung – hier kein Mythos, sondern passend zum Klimawandel die zehn biblischen Plagen – kurzgeschlossen und ein Konversationssetting konstruiert, in dem zwei Paare unterschiedlichen ...
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Theater heute Januar 2020
Rubrik: Aufführungen, Seite 6
von Silvia Stammen
Zu Beginn eine Szene, die an die US-Serie «True Detective» erinnert: Taschenlampen erhellen den dunklen Bühnenraum, geben den Blick frei auf eine unheimlich drapierte Frauenleiche. Eindeutig ein Ritualmord: ausgeweidet wie ein Tier, mit einem Hirschgeweih auf dem Kopf und Runenzeichen am nackten Körper. «Fesseln, Stiche, Folter, nirgends Blut», stellen die beiden...
Ach, Popmusik. Immer wieder versucht das Hamburger Thalia, deren entgrenzende Kraft fürs Theater nutzbar zu machen: Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo inszenierten hier «Hänsel und Gretel» mit Rammstein-Grand-Guignol, Stefan Pucher ein Charles-Manson-Musical namens «Summer of Hate», Jette Steckel «Romeo und Julia» mit Soap&Skin-Melancholie. Immer wieder fällt das...
Dass Ödön von Horváths Volksstück «Geschichten aus dem Wiener Wald» sich ausgerechnet in Wien so ungebrochener Beliebtheit erfreut, ist eigentlich erstaunlich. Obwohl der Wiener Seele darin ein denkbar schlechtes Zeugnis ausgestellt wird, wird das Stück fast ständig auf irgendeiner Wiener Bühne gespielt. So, wie die «Geschichten» derzeit im Werk X interpretiert...
