Kritik: Die große Welle

Der englische Kritiker Quentin Letts, das konservative Theatergeschütz der «Daily Mail», hat sich mit einem rassistischen Ausfall ins Abseits geschrieben

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Dem englischen Kritiker Quentin Letts sind Kontroversen nicht fremd. Für die meisten Insel-Schauspieler ist eine schlechte Kritik dieses bösen kleinen Manns ein Ritterschlag. Die «Times» schrieb, seine regelmäßigen Angriffe seien «hysterisch und würden die Verleumdungsgesetze bis an ihre Grenzen ausreizen». Doch seine aktuelle «Daily Mail»-Kritik der Royal Shakespeare Company Produktion «The Fantastic Follies of Mrs Rich» sorgt für Debatten, die selbst für Lettsche Verhältnisse außergewöhnlich hitzig sind.

Warum? 

Der Grund sind diese Zeilen: «Der arme Leo Wringer ist fehlbesetzt als der alte Clerimont. Er ist unglaubwürdig als trompetender Großkotz der Art, die seit Jahrhunderten die schlammi­geren Gründe der englischen Grafschaften verseucht. Er ist zu kühl, zu reif, nicht kinnlos oder bekloppt oder witzig genug.» So weit seine ihm natürlich freigestellte Meinung zu Schauspieler und Rolle. Doch dann kommt’s: «Wurde Herr Wringer besetzt, weil er schwarz ist? Wenn ja, dann hat der ungeschickte Umgang der RSC mit politisch korrektem Casting einmal mehr ihr Bühnenprodukt geschwächt. Ich nehme an, die Manager sind unter Druck vom Arts Council, die Diversitätskästchen anzukreuzen, aber irgendwann müssen sie sich entscheiden, ob ihr Kerngeschäft Drama oder Sozialarbeit ist.»

Die RSC entschloss sich daraufhin – zum ersten Mal überhaupt nach einer Kritik – als Reaktion ein Statement zu veröffentlichen. Intendant Greg Doran, Geschäftsführerin Catherine Mal­lyon, stellvertretende Intendantin Erica Whyman und Regisseurin Jo Davies unterschrieben geschlossen, sie seien schockiert über Letts’ Rezension, die eine «unverhohlen rassistische Haltung gegenüber einem Schauspieler zu zeigen scheint». Sie stellen klar: «Wenn wir besetzen, suchen wir nach dem spannendsten Individuum für jede Rolle, für ein Repertoire der höchsten Qualität. Wir sind stolz darauf, dass dies sicherstellt, dass unsere Besetzungen auch die Vielfalt des Vereinten Königreichs repräsentieren, dass unser gesamtes Publikum sich auf der Bühne wiedererkennen kann und dass unsere Arbeit von einer kreativen Spanne von Stimmen und Ansätzen gemacht und beeinflusst wird [...] Wir gratulieren dem gesamten Ensemble zu seiner exzellenten Arbeit, stehen vorbehaltlos hinter ihm und hoffen, dass es diesen hässlichen Kommentar voller Vorurteil hinter sich lassen kann.»

NICHT lustig

Inzwischen haben die wichtigen britschen Tageszeitungen, darunter «Guardian», «Independent» und «Times», den Vorfall aufgegriffen, die meisten beenden ihren Bericht mit dem Satz «Wir haben die ‹Daily Mail› um Stellungnahme gebeten». Was die «Daily Mail», zweitgrößte Boulevard-Zeitung der Insel mit klarer nationalkonservativer Ausrichtung und offensichtlicher Freude an Letts’ journalistischem Wirken, nicht tut.  

Dafür meldet sich «Equity», die britische Schauspielergewerkschaft, zu Wort. General­sekretärin Christine Payne kommentiert, Quentin Letts’ Artikel zeige «einen ignoranten und schmerzhaft veralteten Blick auf diverses Casting. Herr Letts mag eine Besetzungsentscheidung nicht gefallen, aber dies mit der Ethnizität des Schauspielers zu verknüpfen, ist inakzeptabel. Equity unterstützt vorbehaltlos den inklusiven Besetzungsethos der RSC.» 

Noch schärfere Letts-Kritik kommt von Schauspieler Danny Lee Wynter, Mitbegründer der gemeinnützigen Organisation «Act for Change», die sich für diverse Re­präsentation auf Bühne und Bildschirm einsetzt. Er plädiert auf Twitter in einem Selbstgespräch dafür, dass ganz England den Kritiker nicht mehr ins Theater lässt: «Dieser Mann schreibt Kritiken dieser Art, seit du im Beruf bist, Danny. Also was soll’s? Und ist es nicht unaufrichtig, an Quentin Letts Anstoß zu nehmen, Danny, wenn du selbst erst vor kurzem einen (anderen) Schauspieler auf der Bühne gesehen hast, der schwarz war & du dich gefragt hast, warum der bloß den Job gekriegt hat? Wie du auf dem Weg nach Hause gesagt hast, SO viele schwarze Schauspieler, die ich kenne, hätten die Rolle spielen können? [...] Was ich mir nicht gesagt habe, war Folgendes: Man sieht regelmäßig Schauspieler, die in einem Stück fehlbesetzt sein mögen oder nicht. Und ihre Ethnizität hat NULL [...] damit zu tun […] Die großen klassischen Schauspieler [...] hatten immer Carte blanche, ALLES und JEDEN zu spielen. Einem schwarzen Menschen dasselbe Recht im Jahr 2018 nicht zuzugestehen und es Sozialarbeit zu nennen, ist absurd und [...] rassistisch [...] Noch verstörender ist, dass mich Quentin Letts’ Kritik nicht mehr überrascht [...] Seine Chefs haben es normalisiert. Und die Theater, die ihn nach wie vor einladen, haben es normalisiert. Wir lassen ein Klima zu, in dem Intendanten sich freuen, eine schlechte Kritik von Quentin Letts zu kriegen, weil sie meinen, das ist ein Teamsieg und es ist lustig. Aber die ‹Daily Mail›-Leser, die ich täglich in der U-Bahn sehe, die vielleicht nicht ins Theater gehen und die das lesen, sehen es als Munition. Es ist absolut NICHT lustig.»   

Dass Letts diese gewaltige Welle entgegenschlägt, ist einem geschärften britischen Bewusstsein zu verdanken, das in den letzten Jahren sichtbar zugenommen hat: «Colourblind Casting» gab es vereinzelt seit Jahrzehnten, aber seit geschätzt etwa fünf Jahren stehen auf den meisten großen Bühnen immer öfter und immer selbstverständlicher ethnisch gemischte Ensembles. Im Fern­sehen sind die Briten deutlich weniger weit, aber vielleicht bewegt die aktuelle Debatte die Besetzungpraxis ja in allen Medien ein Stück weiter in die richtige Richtung. 


Theater heute Mai 2018
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Patricia Benecke

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