Händchen für Handke

Was fehlt? - Peter Handke «Die Unvernünftigen sterben aus», Regie Friederike Heller, Wiener Akademietheater

Theater heute - Logo

Zum ersten Mal wurde eine Handke-Inszenierung von Friederike Heller vor zwei Jahren nicht zum Theatertreffen eingeladen. Damals hatte die junge Regisseurin den grantigen «Untertagblues» frech und sehr überzeugend als zeitgenössische Publikumsbeschimpfung inszeniert. Am selben Ort (Akademietheater) und mit demselben Hauptdarsteller (Philipp Hochmair) bewies Heller mit «Die Unvernünftigen sterben aus» in dieser Spielzeit erneut, dass sie ein Händchen für Handke hat.



Die 1974 uraufgeführte Kapitalismusfarce ist ein «missing link» zwischen Handkes sprachkritischem Frühwerk und dem hohen Ton der späteren Dramen. Äußerlich ist das ein ganz konventionelles Stück mit Figuren, Dialogen und Szenenanweisungen, aber anstelle von psychologisch-realistischem Theater wird ein ironisch-philosophisches Gedankenexperiment geboten. Im Grunde handelt das Stück von der «Selbstfindung» eines Mannes; wobei der Witz darin besteht, dass sich das Drama nicht im dazu passenden WG-Milieu, sondern auf der Chefetage abspielt. Die Pointe: Der Ego-Trip des Protagonisten, des melancholischen Unternehmers Hermann Quitt, erweist sich als perfekte Strategie im kapitalistischen Verdrängungswettbewerb.

Heller inszeniert ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2007
Rubrik: Theatertreffen, Seite 23
von Wolfgang Kralicek

Vergriffen
Weitere Beiträge
Armut macht nicht sexy

Ein überheiztes Hinterzimmer in Stuttgart. Das Auswahlgremium der Mülheimer Stücketage trifft sich nach dem letzten gemeinsamen Uraufführungsbesuch der Saison standesgemäß bei einem schmierigen Italiener, das einzige Lokal im Umkreis des Theaters, wo die schwäbische Sperrstunde interpretationsfähig bleibt. Gleich bei der ersten Abstimmungsrunde fallen fünf von fünf...

Hybris an der Gü

Wie jede gute Fabel lässt sich auch die des nun 50 Jahre alten «Besuchs der alten Dame» in zwei Sätzen wiedergeben. Als junge Frau wurde Klara Wäscher von ihrem Liebhaber geschwängert, in einem Vaterschaftsprozess gelinkt und ins Elend gestoßen. Jahrzehnte später kehrt sie als Claire Zachanassian ins Städtchen Güllen zurück und verspricht der bankrotten Gemeinde...

Groß und klein

Scharlatan oder Genie? Semantischer Faulpelz oder Meister des Nicht-Gesagten? Am norwegischen Mode-Autor Jon Fosse und seinen wortkargen Dramen scheiden sich die Kritiker. Für Regisseure aber bieten diese Leerstücke dank reduziertem Personal, limitierter Psychologie und beschränkter Alltagssprache viele Sinn-Löcher, in die sie ihre eigenen Ideen stopfen können....