Im Revolutionsvarieté
Die Dramen sind nur so gut, wie ihre Zeiten schlecht sind. Wer wusste das besser als Heiner Müller? Mit dem Untergang der DDR sei sein Stoff verschwunden, ließ Müller schon kurz nach der Wende wissen. Der Stoff eines Landes, dessen Wirklichkeit bereits im landläufigen Sinne des Wortes «dramatisch» war, konfliktgesättigt, voller Zermürbungskämpfe in der Kluft zwischen utopischem Anspruch und Alltagsrealität, reich an privaten Tragödien. Der Mauerfall hatte diese scharfen Konturen verwaschen.
In der bundesrepublikanischen Alltäglichkeit der 1990er lösten sich die manifesten Konflikte um politische und ökonomische Ressourcenverteilung ins fluide Spiel der Distinktionen und feinen Unterschiede auf. Mit Weitsicht prognostizierte Müller, dass nach dem Ende der DDR eine Ära anbreche, in der von Shakespeare allenfalls noch die Komödien gespielt würden. Der Satz galt ihm selbst. Befriedete Zeiten sind bunt oder blass, je nach Betrachtung, aber ganz sicher nicht blutrot.
Tatsächlich antizipierte Müller recht gut, wie auch die Rezeption seines Werkes weiterverlaufen würde. Wichtige Inszenierungen der letzten Jahre haben fast schon ostentativ eine Leichtigkeit gesucht, maßen eher ...
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Theater heute November 2015
Rubrik: Aufführungen, Seite 20
von Christian Rakow
Was hat Paul McCarthy nicht alles schon gefickt: Bäume, Vieh, Fässer, Augenhöhlen, Pinocchio, das weiße Kaninchen, Marilyn Monroe. Und was hat er in den letzten 45 Jahren nicht schon alles mit Ketchup, Senf, Schokolade und anderen Dickflüssigkeiten beschmiert: Arafat, Santa Claus, Nixon, Schoine Damen, Seemänner und vor allem sich selbst. Und jetzt also James Dean,...
Da stehen sie auf der Bühne. 23 Personen, davon sechs Schauspieler, der Rest Laien – und singen. Es ist eine Art chorischer Sprechgesang, den Marta Górnicka mit ihrem Ensemble eingeübt hat. Wie in ihrem festivalerprobten polnischen Frauenchor «Magnificat» oder «Requiemmaszyna» (s. TH 2014/10, S. 21) sind die Töne und Nuancen verwoben zu einem Klangteppich. Und wie...
Es regnet, als ich Ayham Majid Agha auf der Terrasse der Gorki-Kantine treffe. Der 35-jährige Schauspieler und Theatermacher sitzt als einziger unter einem der Sonnenschirme und blättert im vielsprachigen Textbuch von Elfriede Jelineks/Aischylos «Die Schutzbefohlenen», das Ende Oktober in der Regie von Sebastian Nübling Premiere haben wird; gerade kommt er von den...
