Wir bleiben wach

Ein Brief aus Teheran

Theater heute - Logo

Noch nicht geboren, neu geboren oder ganz klein waren wir, als unsere Eltern die Teheraner Straßen eroberten und Hand in Hand schrieen: Unabhängigkeit, Freiheit, Islamische Republik – die haben sie bekommen.

 

Acht Jahre heiliger Krieg mit Irak ist eng an unsere Kindheit geknüpft: Mama, was ist Krieg? – Es gibt Feinde, die uns unser Land nehmen wollen. Wir müssen aufpassen. Die Väter gehen in den Krieg, die Mamas helfen den Vätern. Wir müs­sen im Krieg stark miteinander sein. Wir müssen kämpfen, um unser Land zu retten.

 

Leben in der Doppelmoral

Der Krieg war zu Ende, sein Schatten immer noch da: In unseren Schulen, in unseren Familien, in unseren Kinderspielen. Bewusst oder unbewusst haben wir gelernt, dass Freiheit, Unabhängigkeit, Islamische Republik Worte sind, für die viel Blut geflossen ist. Worte, von denen unsere Eltern träumten, wurden der Albtraum unseres Lebens. Ein Albtraum, in dem wir alle gleich aussehen, gleich denken, gleich sprechen und gleich glauben mussten. Ein Albtraum, der keinerlei Pluralität tolerierte. Irgendwann haben wir von unseren Eltern gelernt, uns in der Doppel­moral einzurichten: Wir in unserer Privatsphäre, wir im öffentlichen Raum ... ist Teil ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Oktober 2009
Rubrik: Das Stück, Seite 52
von Zoha Aghamehdi

Vergriffen
Weitere Beiträge
Bilder und Texte

1976, Shakespeare «Othello», Deutsches Schauspielhaus Hamburg

Die Geschichte Othellos und seiner Liebe zu Desdemona wird veräußerlicht zu einem ganz direk­ten Theatervorgang. Wildgruber spielt den Othello mit langer, affenhaariger Zottel­perücke, Gesicht und Körper mit schwarzer Schminke beschmiert, die Lippen breit rot ausgemalt. Dieser Nigger in seiner...

Ermittlung gegen ein Schaubild

Man kann sich Peter Handke gut vorstellen, wie er frühmorgens am Rand eines noch leeren Platzes – nicht im Zentrum der Metropole, eher in der Vorstadt – im Café sitzt, schaut und protokolliert, wie das Leben erwacht. Aber natürlich ist er nicht der bloße Zuschauer, wie er sich gern stilisiert. Die wimmelnden Menschen werden ihm zu Figuranten eines neobarocken...

Der Schnappschuss als Waffe

Vier Männer stehen dicht beieinander auf einem Bürgersteig in Teheran und reden über die bevorstehende Wahl. Einer der Männer beugt sich vor, unterstreicht mit heftiger Geste seine Worte. Seine Gesprächspartner blicken skeptisch, auf dem Sprung, ihm zu widersprechen.

Zwei Tage nach der Präsidentschaftswahl rollt ein Laster über einen belebten Platz im Norden...