Stuttgart: Schauspielhaus, Kammertheater/Nord
Da müsste doch Sprengkraft drinstecken: Hasko Weber eröffnet das sanierte Stuttgarter Schauspielhaus mit Schillers «Don Karlos» genau an jenem Tag, an dem der fast zwei Jahre lang umkämpfte Schlosspark neben dem Theater zugunsten von Stuttgart 21 geräumt wird und die heftigst verteidigten Bäume abgeholzt werden.
Dann beschwört die Aufführung auch noch vom ersten Moment an das Motiv der Revolution: «Der Aufstand beginnt mit einem Spaziergang», lautet der erste Satz, und in diesem Zusammenhang erinnert das Heiner-Müller-Zitat durchaus an die Anfänge der schwäbischen «Wutbürger»-Protestlawine. Außerdem beschwört das Bühnenbild von Thilo Reuter mit wandgroßen Fotomotiven den arabischen Frühling – dankenswerterweise hat Schiller dem Marquis von Posa den gerade aktuellen Verweis auf den «allgemeinen Frühling in der Welt» in den Mund gelegt. Schließlich wird auch noch der Mord an Karlos ausgebremst durch den ans Ende verlegten Satz: «Das Volk will ihn lebendig sehen oder ganz Madrid in Flammen aufgehen lassen.»
So wird das revolutionäre Brodeln, von dem im Stück immer nur die Rede ist, in den Blick gerückt – eigentlich eine sinnige Motivation für König Philipps Staatsterror. Doch Hasko ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute April 2012
Rubrik: Chronik, Seite 62
von Andreas Jüttner
Am Tag nach seinem Tod, als sei das Leben ein Staffellauf, präsentierten die Spitzen der Politik den künftigen Bundespräsidenten. Umringt von westdeutschen Heuchlern vor den Kameras: eine Pfarrerstochter und ein Prediger aus der untergegangenen Republik. Deren Stimmen hatten einen so auffallend anderen Klang, als sei von den Träumen vom besseren Vaterland gegen...
Auf einer sonst leeren und dunklen Bühne steht ein viereckiger, rampenartiger Kasten, in dessen Mitte sich eine geschlossene Klappe befindet. Er trägt die Konturen eines Wolkenhimmels und ist auch in dessen Farben gehalten: hellblau und weiß. Er stellt zunächst einen Tisch dar, an dem Odysseus den Plan für die Operation entwirft, in deren Verlauf dem Philoktet der...
«Ich wähle die größtmögliche Übertreibung», schreibt Tine Rahel Völcker, «um dem, was ich nicht zu denken wage, möglichst nah zu kommen.» Einen Tag vor der Premiere ihres Stücks druckte das «Handelsblatt» einen Aufsatz von Francis Fukuyama unter dem Titel «Warum Staaten aufsteigen und fallen». Fukuyama übertreibt nicht. Frappierend nüchtern erläutert der politische...
