Wahn mit Wucht
Egal, wie tief sich eine Aufführung in den Wahnsinn hineinarbeitet, am Ende bleibt bei «Macbeth» doch das Gefühl, dass man den Abgrund, in dem das Stück und das Ehepaar gleichen Namens versinken, verfehlt hat. «Macbeth» gilt als eher einfaches Shakespeare-Drama, vor allem wegen der einspännigen Handlung, trotzdem bleibt da etwas, was das Stück am Ende immer tiefer, abgründiger, irrsinniger erscheinen lässt als die jeweilige Aufführung. So tief kann man auf der Bühne nicht hineinbohren, wie sich der Wahn in die Seelen gefressen hat.
Vielleicht nehmen die besten Macbeth-Arbeiten der neueren Zeit, von Jürgen Gosch oder Karin Henkel etwa, die Schlamm-Blut-und-Gespenster-Tragödie deswegen von der eher coolen Seite. Sie steuern nicht direkt auf den Irrsinn zu, sondern er entsteht gleichsam nebenbei, aus der lässigen Geste. Der Schwerpunkt liegt im Spiel, und der ganze Überschuss des Wahns ist dem Raum der Vorstellung überlassen.
Der kanadische Choreograf Dave St-Pierre, der in Europa bisher vor allem in Frankreich gearbeitet hat und der nun am Schauspiel Frankfurt den «Macbeth» choreografiert und bebildert hat, hält dagegen direkt und – man muss das anerkennen – unbeirrt auf den ...
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Theater heute Juni 2015
Rubrik: Aufführungen, Seite 22
von Peter Michalzik
Der eigentliche Star des Abends ist das Bühnenbild von Jo Schramm. Da fährt das ganze Erdgeschoss einen Meter nach unten, als wir im Obergeschoss die Schritte des rastlos wandelnden Bankdirektors hören. Gerade so viel versinkt die Bühne, dass wir unter dem tief hängenden Portal die Beine Borkmans sehen können, wie er in einem schwarz ornamentierten Salon auf und ab...
Ein dunkler, durchsichtiger Screen verschattet die Szene. Darauf erscheint der Stücktitel, «Jean Genet, Die Zofen», wie aufgemalt, ein schreiend weißes Schriftbild, wie es die Film-noir-Typografen der 40er liebten. Schon fährt eine subjektive Livecam auf nackte Frauenschulterblätter zu, ein grausiger Handschuh greift mordlüstern ins Bild, die Dame am Schminktisch...
Ein Freitag im März, 17.00 Uhr. In circa einer Stunde geht in Israel die Sonne unter. Dann beginnt der Sabbat. Durch die Gassen und über die kleinen Plätze des Viertels Mea Shearim in Jerusalem huschen Männer in langen schwarzen Mänteln; unter gewaltigen Fellmützen winden sich Schläfenlocken hervor, in der Hand halten sie Plastiktüten voll mit Einkäufen. Sobald...
