Promiske Künstlerschaft
Er war schon ein saucooler Hund. So cool, dass er sich Sachen traute, die sonst keiner wagte: Zur Autorenfilm-Kompilation «Deutschland im Herbst» (1978) steuerte Rainer Werner Fassbinder einfach einen Auszug aus seinem Leben bei. Man sieht einen dunklen Münchner Wohnungsflur, den nackten Regisseur samt Freund im Streit, beim Frühstück mit Mama ist die Flugzeugentführung von Mogadischu Tischgespräch, grunzend, lapidar.
Auch wenn er hier um der Demokratie willen gegen den hart durchgreifenden Staat argumentiert, hat er einen anderen Weg gewählt als den «bewaffneten Kampf»: den der offenen, unmittelbaren, vor keiner Schamgrenze zurückschreckenden Kunst. Vielleicht deshalb hat Volker Schlöndorff sich auch bereit erklärt, für Annekatrin Hendels «Fassbinder»-Dokumentation etwas zu tun, was, wie er sagt, Fassbinder selbst niemals getan hätte, nämlich über einen anderen Regisseur zu sprechen als sich selbst.
Hendels Film und Christian Braad Thomsens «Fassbinder – Liebe ohne zu fordern» haben eins gemeinsam: den fremden Blick. Der Däne Thomsen, dessen Film im Februar auf der Berlinale lief, thematisiert ihn gleich zu Beginn seiner ungewöhnlich subjektiven Annäherung an Rainer Werner ...
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Theater heute Juni 2015
Rubrik: Magazin, Seite 67
von Eva Behrendt
In der Marktwirtschaft ist der Erfolg das einzige Thema. Aber das Thema des Theaters ist der Misserfolg, die Krise, das Scheitern. Die Tragödie, die Katastrophe sind ehrwürdige dramatische Errungenschaften.
Solche Behauptungen enthalten nichts Neues und schildern nur den Normalfall der Theaterkunst, nicht erst seit Beckett, sondern seit 2.500 Jahren. Dass das heute...
August Engelhardt hatte das Pech der frühen Geburt. Der 1875 geborene Gründer des Sonnenordens, der von 1902 bis zu seinem Tod 1919 auf der eigens erworbenen Insel Kabakon in der Kolonie Deutsch-Neuguinea lebte, wäre dort hundert Fortschrittsjahre später wohl weniger einsam geblieben. «Heitere, jauchzende Sonnenkinder, die nichts zu ihrem Leben brauchen als...
Ein dunkler, durchsichtiger Screen verschattet die Szene. Darauf erscheint der Stücktitel, «Jean Genet, Die Zofen», wie aufgemalt, ein schreiend weißes Schriftbild, wie es die Film-noir-Typografen der 40er liebten. Schon fährt eine subjektive Livecam auf nackte Frauenschulterblätter zu, ein grausiger Handschuh greift mordlüstern ins Bild, die Dame am Schminktisch...
