Bücher: Die Anti-Aristotelikerin
Eine «Kriegsmaschine gegen die Institution Theater», das ist für Florence Dupont die «Poetik» des Aristoteles. Der Philosoph, ein Fremder in Athen, der nie bei den Dionysien dabei war, sauge mit ihr der «lebendige(n) Kunst» und «volkstümliche(n) Praxis» das Blut aus. Denn Theater werde darin auf die «Darstellung einer Geschichte» reduziert, auf die Funktion der «Mimesis».
Dagegen war es, wie zumindest die Theateranthropologie lehrt, ein Ereignis, ein Fest der Eintracht, von Wettkampf, Musik, Chören, der Idee des «Kairos», des günstigen Augenblicks, und des «prepon», des Passenden, nicht ablösbar. Die Spiele waren Teil eines Rituals der Rückkehr der jungen Männer in die Stadt. Ihre Eingliederung ging dabei in einer Art von Karneval einher mit der Alteritätserfahrung der Ausgeschlossenen – der Frauen, Sklaven, Tiere, über die sich die athenischen Bürger erhoben. Von alledem sehe Aristoteles ab, mache aus dem Theater einen objektivierbaren Text, mit desaströsen Folgen.
Nun gehört es zu den Gemeinplätzen der Theaterwissenschaft, dass die Geringschätzung der Aufführung – der «Opsis» – in der «Poetik» eine der Quellen der abendländischen Theaterfeindschaft wie der noch immer ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Februar 2019
Rubrik: Magazin, Seite 60
von Nikolaus Müller-Schöll
Einer der letzten Eindrücke von Maria Magdalena Ludewig, bei der Eröffnung der Wiesbaden Biennale 2018 (s. TH 10/2018): Fiebrig, blass, hochenergetisch federte sie auf dem Grün, über das gerade im Auftrag des Künstlers Santiago Sierra ein Trecker gerast war, um einen mächtigen Zaun zu entfalten. Die Eröffnung der Biennale war ein veritables Feuerwerk, sie fand in...
Es gibt derzeit kaum ein Stück, das in derart simplen Lehren aufzugehen scheint wie «Macbeth» von Shakespeare. «Blut will Blut», wie es in der verdunkelten Fassung von Heiner Müller (aus dem Jahr 1972) heißt. Oder auch: «Himmel und Hölle haben einen Rachen / Mein Tod wird Euch die Welt nicht besser machen.» Allerorten wird gerade die Öffnung dieses Höllenrachens...
In einer Spielzeit, die der Frage «Was heißt spielen?» gewidmet ist, kommt man um Dostojewskij kaum herum. Wer wüsste besser als ein jahrelang Spielsüchtiger, was es heißt, immer wieder am Abgrund zu stehen, alles zu riskieren und zu verlieren bis auf den buchstäblich letzten Heller, ja, sogar das eigene, noch ungeschriebene Werk zum Einsatz zu machen? Bei seinem...
