Die Grundfragen der Spezies
Behaupte noch jemand, die Gegenwartsdramatik stelle nicht die Fundamentalfragen der Spezies! In «Tartuffe oder das Schwein der Weisen», der Molière-Variation des Pop-Künstlers PeterLicht am Theater Basel, philosophieren hypertrendige Zeitgenossinnen und Zeitgenossen wie «die Perni», «die Elmi» oder «der Orgi» abendfüllend über nichts anderes als das existenzielle Grundproblem schlechthin; nämlich, ob es eine «Geilheit gibt im Ungeilen».
So lässt sich der Singularitätsimperativ, den der Soziologe Andreas Reckwitz der (spätmodernen) Gesellschaft attestiert, schließlich auch fassen: Tartuffe, also «der Tüffi», hat sich vom Inbegriff religiöser Moralheuchelei längst zum offen ersatzreligiösen «Geilisierungs»-Fetisch gemausert; zum Must-have für den entscheidenden Distinktionsschritt aus dem allgegenwärtigen Mittelmaß!
Überhaupt liefern die führenden Theatertexte der Saison die Dramen zum gesellschaftstheoretisch verbrieften Status quo; und zwar, aus gegebenem Anlass, gern in Form der Farce. Ausgehend von eben jenem Distinktionswillen der (ja auch im Bühnen-Business reichlich vertretenen) kulturellen Klasse, erstreckt sich die dramatische Agenda über mehr oder weniger parabolische ...
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Theater heute Jahrbuch 2019
Rubrik: Höhepunkte des Jahres, Seite 134
von Christine Wahl
Auf der Bühne wirkt sie oft, als spreche sie widerwillig gegen die Sätze an, die sich in ihrem Mund formen, und auch im Gespräch über ihre Arbeit kann Sandra Hüller schnell einen bemerkenswert bockigen Ton anschlagen. «Eine direkte Erzählform hat uns an der Stelle nicht interessiert und wird dem Stück nicht gerecht – Kleist lässt sich nicht vereinfachen», antwortet...
In den letzten Jahren hat sich der Gegenstand postkolonialer Kritik in den darstellenden Künsten von der Vorder- auf die Hinterbühne erweitert. 2019 reicht es hierzulande nicht mehr aus, ein Stück, eine Performance, ein Panel oder ein Festival zu rassismuskritischen oder postkolonialen Inhalten zu veranstalten, ohne die inhärente Kolonialität der eigenen...
Torsten König war das Licht in all meinen Inszenierungen an der Volksbühne. Er ist in Warnemünde mit dem Fahrrad verunglückt, am helllichten Tage, niemand hat es gesehen und konnte bezeugen, was geschehen ist. So wie ich ihn bei der Arbeit gar nicht bemerkt habe. Er hat parallel zu unseren Proben geleuchtet. Es war so selbstverständlich und erstmal unauffällig....
