Versionen der Geschichte
Roland Schimmelpfennig hat Schule gemacht und eine ganze Generation von Autoren beeinflusst mit seiner ausgeformten Erzähltechnik – in der einfache Identifizierungen und Rollenzuschreibungen ständig unterlaufen werden und die Darsteller aus dem Modus des Erzählens in der dritten Person immer wieder ins szenische Spiel einer ersten Person einsteigen, um dies dann wieder zu verlassen.
Immer war dabei in seinen Stücken die Erzählform auch die Message, immer ging es ihm um die Ermöglichung steten Perspektivwechsels und um die Erzeugung von fantastischen, oft surrealen Welten, die einen platten Realismus überstiegen. Noch nie hat sich aber diese Erzähltechnik bei Roland Schimmelpfennig so unmittelbar aus einer literarischen Vorlage ergeben, bei der das Erfinden und öffentliche Erzählen von Geschichten selbst Thema und Methode der gesamten Narration ist. Homers «Odyssee» ist jener «Grundtext der europäischen Zivilisation» (Horkheimer/ Adorno), den Schimmelpfennig nicht nur auf seine Motive hin, sondern auch nach seinen narrativen Strukturen befragt und überschreibt.
Im achten Buch der «Odyssee» ist der homerische Held bei den Phaiaken angekommen. Am Hof des Alkinoos singt der Sänger ...
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Theater heute Jahrbuch 2018
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 180
von Jörg Bochow
Im Oktober 2016 ist Fiston Mwanza Mujila zu Gast im Burgtheater mit einer Lesung, ach was: Lesung-Performance. Besser: Rezitation, Gesang, Tanz. Der bekennende Jazzliebhaber, der den Variationsreichtum des Saxofons besonders hoch schätzt, ist ein Bühnenereignis. Ein Vortragender, der auch in seinen Prosatexten Freiheit in der Sprache sucht, Partituren schreibt. «Zu...
Heinar ist einer, der sich der Konzentration auf das Wesentliche verschrieben hat. Zunehmend hat er das Sprechen eingestellt, um nur noch das zu tun, was er für existenziell hält: das Bauen. Seine Hingabe konzentriert sich vorerst noch auf das Errichten eines Eigenheims. Den Rückzug aus der Stadt will er ganz alleine schaffen – lediglich zwei Schwarzarbeiter gehen...
Seit Anfang des Jahres gibt es in Großbritannien ein neues Ministerium: «Ministry for Loneliness». Dies ist keineswegs eine literarische Erfindung, wie das «Ministerium für Wahrheit» in George Orwells «1984», sondern eine real existierende Behörde. Mitsamt einer zuständigen Ministerin, die sich außer um die Bekämpfung der sich epidemisch ausbreitenden Einsamkeit...
