Wir sind Bohème
Bombastische Rockmusik. Das Skelett einer Kirche. Nebelschwaden. Ein einsamer Männerschatten zeichnet sich am Bühnenhorizont ab, wandert nach vorn an die Rampe und sagt «Krieg». «Krieg, Krieg, Krieg, Krieg, Krieg.» Die Platte des Propheten hängt. Peter René Lüdicke artikuliert weitere zweihundert Mal «Krieg», gefolgt von heikleren «Hungersnöten» und zungenbrecherischen «Naturkatastrophen».
Ein gleißendes Neonkreuz senkt sich vom Bühnenhimmel, Lüdicke ist plötzlich Jesus, und bevor ihn sein vermeintlicher Schutzengel (Henrike von Kuick) vom Kreuzweg abbringt und splitternackt im Dampfbad verführt, greift er zum Vorschlaghammer und lässt ihn so lange auf den Kunststoffplattenboden brettern, bis die ersten Reihen in Deckung gehen.
Wahrlich, es ist ein Leidensweg, den das Publikum zur Eröffnung von Sebastian Hartmanns Leipziger Intendanz am eigenen Sitzfleisch nachvollzieht. Erbarmungslose fünf Stunden dauert sein Tryptichon «Matthäuspassion», das ruhig und dunkel mit einer Kammerspielfassung von Ingmar Bergmans «Die Abendmahlsgäste» begonnen hat, bei Ibsens «Brand» halbwegs heiß gelaufen und nun in eine brachiale Performance gemündet ist, die das Evangelium grell mit Motiven aus ...
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Nein, hatte Ozan vor zwei Jahren gesagt, er könne doch jetzt keinen Gemüseladen oder eine Döner-Bude in der Stadt aufmachen. Aber was solle er tun? Damals stampfte er bei diesen Sätzen mit den Füßen auf, vor Kälte und auch vor Wut. Die Hände streckte er in Richtung der Flammen, die aus den verrosteten, zu Öfen umgerüsteten Benzinfässern züngelten: «Auswandern...
Schon beeindruckend, wie zwei leidenschaftliche Präzisionsschauspieler auf freier Bühne eine große Nummer bauen: Wie Samuel Finzi den Köder seiner vollgepissten Bierflasche mit pubertärer Erwartungsfreude auslegt, und Wolfram Koch gekonnt ziellos draufzustolpert, wie er das Gesöff lustvoll in sich hineinlaufen lässt und sich der Ekel zeitversetzt wie kleine...
Siebzig Minuten dauert die Aufführung: Die sieben Szenen Arthur Schnitzlers, die 1889/90 entstanden und in denen der Wiener Bourgeois und Lebemann Anatol jeweils eine andere Frau begehrt, verabschiedet, verliert, hat der Regisseur Luk Perceval zu einem einzigen Akt zusammengezogen. Er hat die Dialoge radikal zusammengekürzt und dabei alles spezifisch...
