Anatomie Tschechow
Auf die Idee muss man erst einmal kommen: Falk Richter hat für seine «Kirschgarten»-Inszenierung Tschechows russisches Original einer Agentur gegeben, die üblicherweise auf die Übersetzung von Wirtschaftstexten spezialisiert ist, und auf dieser Grundlage eine Neubearbeitung angefertigt.
Abgesehen von einem souveränen Mangel an Bescheidenheit – ich schreib mir endlich einen besseren Tschechow –, bestrickt die optimistische Erwartungsfreude und der künstlerische Wagemut: Was kommt wohl heraus, wenn man den «Kirschgarten» durch den gleichen Wortfleischwolf dreht, durch den sonst Geschäftsbriefroutinen gehen? Doch wohl hoffentlich keine Geschäftsbriefroutinen?? Die Dramaturgie des Hauses ist jedenfalls von sich selbst angemessen begeistert, lobt das «vielversprechende Experiment» und den auf diese Weise «naturgemäß versachlichten, ökonomisierten Text». Wie schön, dass man sich auch über Geschäftsbriefe freuen kann.
So viele Sympathiepunkte hat Lopachin schon lange nicht mehr gesammelt. Der zu Geld gekommene Bauernsohn ist dem neuen Schaubühnen-Tschechow umstandslos vorangestellt: Bruno Cathomas hat Lopachins neureiche Korpulenz in einen figurfreundlichen Maßanzug gefüllt und auch sonst ...
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Für potenzielle Helden ist das Leben ja ziemlich langweilig in unseren Breiten. Kriegszüge kommen seit 60 Jahren nicht mehr in Frage, die Katastrophe trägt den Vornamen Klima und lässt sich noch gut verdrängen, der Sonnenkollektor auf dem Dach ersetzt den Feldzug. Die Sehnsucht nach dem Heldentum, dem Abenteuer in Gefahren, die letzte Kräfte in Anspruch nehmen,...
Wind macht diese Inszenierung nur einmal, gleich zu Anfang, wenn die vierte Wand aufklappt, zu Boden kracht, den Blick in eine knallgelbe Box öffnet und eine Luftdruckwelle über die Köpfe des Publikums fegt. Was folgt, ist ein Sturm, ach was, ein Tornado aus Worten. Wirbelt eine Stunde, dreht sich um drei Frauen, Barbara, Silvia, Anika, drei Damen vom Jugendamt,...
Franz Wille Herr Hübner, Sie haben es mit Ihrem Stück «Ehrensache» bis vors Bundesverfassungsgericht gebracht. Was ist das für ein Gefühl?
Lutz Hübner Daran muss ich mich erst noch gewöhnen. Dass es eine solche Lawine wird, war ja vor zwei Jahren, als es losging, noch nicht abzusehen. Ich brauchte auch Zeit, um zu verstehen, dass es überhaupt ein Fall für die Justiz...
