Jenseits von Gut und Schön

Alain Platels Tanzabend «Tauberbach» an den Münchner Kammerspielen setzt alle Normierungen außer Kraft

Theater heute - Logo

Der Titel lässt an süddeutsche Provinz denken, Fachwerkidylle und Kleinstadtenge. Doch damit liegt man natürlich völlig daneben, wie mit so vielen Erwartungshaltungen an diesem in mancherlei Hinsicht überraschenden Abend. Zunächst einmal ist es schon erstaunlich, dass der belgische Tanztheatermacher Alain Platel, bestens vernetzt mit einschlägigen Produk­tions­häusern und Festivals, die Uraufführung seiner neuesten Kreation auf einer deutschen Stadttheaterbühne herausbringt.

Und wäre Johan Simons, Noch-Intendant der Münchner Kammerspiele und designierter Heimkehrer ans NT Gent, nicht seit Langem mit dem in Gent geborenen und nach wie vor dort arbeitenden Platel befreundet und hätte Simons’ Ehefrau, die wunderbare niederländische Schauspielerin Elsie de Brauw, nicht den Wunsch geäußert, einmal zusammen mit Platel und den Tänzern seiner Kompagnie Les ballets C de la B eine Inszenierung zu erarbeiten, wäre es wahrscheinlich auch nie dazu gekommen.

Nun steht sie da, Elsie de Brauw, schmal und aufrecht, mitten in einem Meer aus bunten Klamotten, das die ganze Bühne bedeckt, und schimpft Unverständliches in ein Mikrofon in einem kehligen Kauderwelsch, das manchmal an Portugiesisch ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute März 2014
Rubrik: Aufführungen, Seite 12
von Silvia Stammen

Weitere Beiträge
Das Gegen-Oktoberfest

Nun ist es so weit: Auf dem Tisch der Kultusminister hierzulande liegen sie, die Bewerbungen um das immaterielle Kulturerbe. Die Liste scheint lang zu sein, allein in Nordrhein-Westfalen gingen 21 Bewerbungen ein, auch die für die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft. Kaum hatte der Bühnenverein diese angekündigt, standen sie auch schon parat, diejenigen, die...

Heillose Individualisten

Anton Tschechows «Onkel Wanja» und «Der Kirschgarten» erzählen bekanntlich von Idyllen, die keine mehr sind. Hoffnungen zerplatzen, aus Landgütern werden Grundstücke für Datschen. Von den kritischen Spitzen auf feudale Müßiggänger, aufkommenden Kapitalismus und die rücksichtslose Industriegesellschaft zum Ende des 19. Jahrhunderts ist in Christopher Durangs...

Heul Hitler!

«Tja, das war der Drache.» Noch bevor der Vorhang sich öffnet, resümiert Hebbel persönlich (Wolfgang Rüter) die ruhmreichen Taten seines Helden. Des Dichters lässige Vorrede ist amüsant und befremdlich zugleich: Mit seinen Zwergenkämpfen und Drachenblutbädern wirkt der Nibelungenstoff nicht heroisch, sondern alt­backen und unfreiwillig komisch. Vielleicht ist er im...