Kurz vor der Erkenntnis
Ursprünglich hatte Charlotte Roos «Wir schweben wieder» mit dem Arbeitstitel «Brillen» überschrieben. Brillen stehen im Kontext des Stückes für eine bestimmte Weltanschauung, eine Haltung, eine gesellschaftspolitische Perspektive auf die Gegenwart. Sie stehen aber auch für mangelhaftes Sehvermögen, das die Autorin an einer Stelle als immer gleiche Kurzsichtigkeit «mit einer Hornhautverkrümmung am linken Auge» präzisiert.
«Wir schweben wieder» erzählt von fünf unterschiedlichen Typen unserer Zeit, die in komischer Verzweiflung durch das weltanschauliche Dickicht der Gegenwart irren und nach Durchblick suchen. Ansonsten verbindet die fünf erst einmal wenig. Wie einsame Satelliten umkreisen sie ein Thema, monologisieren, schrauben sich immer weiter in ihre Perspektive hinein und sind schließlich kaum mehr anschlussfähig.
Laura übersetzt auf dem Weltklimagipfel Brandreden des venezolanischen Präsidenten gegen die imperialistische Weltdiktatur, kann aber inhaltlich anscheinend nicht immer ganz folgen. Ihr dauerdepressiver Freund Carl leidet währenddessen an völliger Gleichgültigkeit: fehlende Energie, Motivationsverlust, erschöpftes Selbst. «Das wird schon wieder», echot sein Umfeld. ...
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Theater heute Jahrbuch 2013
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 177
von Franziska Betz
Immer noch versammeln wir uns in und vor Guckkastenbühnen, um den Menschen zu betrachten. Aber es gibt auch offenere Situationen, in denen die Zuschauer sich auf der Bühne befinden und sich mit den Akteuren mischen, selbst zu Betrachteten oder zu
aktiven Teilnehmern werden. Es gibt Theater, das keine Bühne braucht, sondern sich an öffentlichen Orten ereignet und...
Frau Luckerniddle war nicht zu übersehen. Die stets leicht vorgebeugte Pavianpose, mit der sie ihr Hinterteil in die Luft bohrte, dazu das schwarz geschminkte Gesicht, an dessen Rändern die helle Haut der Schauspielerin Isabelle Menke zu sehen war, die Afroperücke, Ethnoklamotten, der starke französische Akzent: Anscheinend wurde hier ziemlich brachial eine...
Als Karin Beier 2007 in Köln ihre erste Spielzeit als Intendantin begann, war nicht nur das Schauspiel Köln in einer unglücklichen Lage. Das deutsche Stadttheatersystem stand in der Kritik von zwei Seiten: zu teuer bei zu geringer gesellschaftlicher Resonanz, kritisierte die Kommunalpolitik (und deren Transmissionsriemen, die Kulturpolitik); zu unbeweglich, zu...
