Das Schreiben kommt nach der Wut

Das menscheneigene Verarschungsmaß ist voll. Von Oliver Kluck.

Theater heute - Logo

I.
Dem Wunsch der Redaktion nach einem Wutanfall und ungezügelter Wut muss ich wie folgt begegnen: Selbst mir, dem durch sich abwech­selnde und ergänzende Ungeduld und Verschlafenheit viel entgeht, konnte unmöglich entgehen, dass ich mich durch eigenes Zutun offen­sichtlich zum Wutlieferanten qualifiziert habe.

Dazu ist zunächst einmal anzumerken, dass es mir durchaus bewusst ist, dass der Wütende in unserer Kultur als der Idiot dasteht, der erst jetzt bemerkt, was alle anderen längst wissen und sich zudem über Kleinigkeiten erregt, über die der zivilisierte Mensch selbstverständlich hinwegsieht. Gleichfalls ist allerdings auch anzumerken, dass die Idiotenrolle für mich besser zu ertragen ist als die Rolle desjenigen, den es sich gut verarschen lässt. In diesem Zusammenhang hatte ich an anderer Stelle bereits Auskunft gegeben, dass das menscheneigene Verarschungsmaß, in das nach Belieben Verarschung hinein gefüllt werden kann, bei mir, ganz sicher aus einem soziologischen Defekt heraus, bis obenhin voll ist, ich mich gerne weiter verarschen ließe, es leider nur nicht mehr ertragen kann, verarscht zu werden, weshalb ich mich nun gezwungenermaßen entschieden habe, gegen jede Form von ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2011
Rubrik: Oliver Kluck, Seite 30
von Oliver Kluck

Weitere Beiträge
Intendanten küsst man nicht

Intendanten sind auch Menschen» – mir schießt die Schamröte ins Gesicht. «Es sind ja nur 200 Mark im Monat mehr Gage, die ich will, weit unter dem Kollektivvertrag der Müllabfuhr.» Die 70er waren düstere Jahre, aber die Straßen der Künstler glitschig, ausrutschen hieß noch nicht untergehen, und Nacktheit wurde zur verspiel­ten Erotik. Die Nebel zogen durch die...

Horrorladen Mehrheitsgesellschaft

Wenn ich einen Wutanfall kriege, dann gibt es meistens diesen einen, ganz lichten Moment, in dem mir klar wird, dass doch irgendwie alles mit allem zusammenhängen muss. Das ist der Augenblick, in dem der Anfall in einen Rundumschlag umkippt und ich von der Euphorie, eventuell am Weltgeist geschnuppert zu haben, schier übermannt werde. Dieser überkomplexe...

Weiße Nächte

Die Polizei in Großbritannien arbeitet seit einigen Jahren im Bereich der Schwerkriminalität mit einer Datenbank mit Namen HOLMES. Offiziell das Kürzel für «Home Office Large Major Enquiry Systems», doch ebenso inoffiziell wie offensichtlich eine Hommage an den fiktionalen Meisterdetektiv Sherlock Holmes. «Ich liebe Krimis», sagt der englische Dramatiker Simon...