Mehr Lynch als Brecht

Warum sind die Leute so versessen darauf, Erfahrungen zu machen? Beobachtungen von Johan Simons’ erster Ruhrtriennale

Theater heute - Logo

Immer wieder schön, wie die sogenannten Installationen im öffentlichen Raum dieser Tage von der Bevölkerung angenommen werden. Gerade noch sitzt man in seinem Essener Hotelzimmer und überlegt, wie man die Zeit bis zum nächsten Großereignis im Landschaftspark Nord in Duisburg totschlägt. Da legt einem das Programmheft eine Installation in Duisburg-Ruhrort nahe. Am Eisenbahnhafen könne man über eine Art Brücke schreiten und dabei etwas erleben.

Fünf Künstler aus Australien, Großbritannien und den Niederlanden (Robyn Backen, Jennifer Turpin, Nigel Heyer, André Dekker und Graham Eatough) und drei Kuratoren (Katja Aßmann, Michael Cohen und Lorenzo Mele), Institutionen in Sydney, Glasgow und dem Ruhrgebiet fanden zusammen, um ein einmaliges Erlebnis zu gestalten, zu dem man festes Schuhwerk mitbringen solle. Eintritt frei.

Das klang nach einer Einladung zur unbeschwerten Industriegebiet-Flanerie, einem guten Einstieg in einen Tag, der nicht zum ersten Mal bei dieser Ruhrtriennale mit 360-Grad-Formaten und holistischen Rezeptionsexzessen nicht geizen würde. Das Durchschreiten, Sich-Verwandeln, ein körperliches und nicht nur mentales Mitvollziehen von Transformationen ist die aktuelle ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute November 2015
Rubrik: Ruhrtriennale, Seite 28
von Diedrich Diederichsen

Weitere Beiträge
Erinnerungs­schluchten

Wie schön sich der Muezzin anhört, der aus dem weißen Grab aus Laken singt. Eine ferne Erinnerung für Ramie (Patrick Berg), der in der syrischen Stadt Homs einst für Demokratie kämpfte und es nun über das Mittelmeer geschafft hat, gelben deutschen Käse isst und von Kardamomkaffee und seinen toten Freunden träumt.

«The Trip» von Anis Hamdoun ist eine ergrei­fende...

Du sollst Dein Leben nicht vergeuden

Über die zehn Gebote ist im Grunde alles gesagt, seit Moses mit den Tontafeln vom Sinai stieg. «Du sollst nicht töten.» Klar formuliert, versteht jeder. «Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.» Auch klar formuliert. Aber die Menschen halten sich nicht dran. Daher ist eben doch nicht alles gesagt. Was das Schauspielhaus Zürich zu einem Saisonstart mit...

Der große und der kleine Tod

«Die Nikon D 300 S», wendet sich Nathan (Robin Sondermann) ans Publikum, «liegt mit Akku und Speicherkarte bei 870 Gramm.» In Sondermanns Stimme liegt ein leichtes Zittern, liebevoll, begehrend, hastig: «Der Handgriff der Nikon D 300 S ist extrem ergonomisch ausgeformt.» Aus zwei Gründen ist es eine kluge Entscheidung, diese halbmasturbatorische Liebeserklärung an...