Kiel: Medea Margaret
«Willst du manchmal etwas kaputt machen?», fragt John (Felix Zimmer). Und Cathy (Jessica Ohl) antwortet nicht, Cathy küsst John, mit aller Kraft, die sie in einen Kuss legen kann, als unterprivilegierte, aber aufstiegsorientierte Teenagermutter Ende der Siebziger in Nordengland. Cathy und John küssen sich, und dann machen sie alles kaputt. Er betrügt sie mit ihrer besten Freundin, sie erstickt ihr Baby und kommt als Kindsmörderin ins Gefängnis, er verliert jeden Halt. Absturz.
Simon Stephens hat mit «Blindlings» eine Überschreibung des «Medea»-Mythos als britisches Sozialdrama geschrieben. Cathy ist bei Ohl nicht nur eine betrogene und damit passive Liebende, sie ist auch eine vom Untergrund angezogene, selbstbewusste junge Frau, deren Weg in die Kriminalität von Johns Verhalten forciert sein mag – aber ganz ohne ist auch sie nicht. Geschickt verortet Stephens den antiken Mythos (das vergiftete Kleid für die Nebenbuhlerin! Das getötete Kind!) in einer konkreten historischen Situation: Stockport, am Südrand von Manchester, laut Friedrich Engels «eines der düstersten, rauchigsten Löcher in der ganzen Industrieregion» (und außerdem Stephens’ Geburtsstadt).
1979 – das Jahr, in dem in ...
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Theater heute März 2016
Rubrik: Chronik, Seite 58
von Falk Schreiber
Was Heiner Müllers «Horatier» gerade heute zum Terrorismus zu sagen hat
Der namenlose Kämpfer stößt dem verwundeten Gegner, der am Boden liegt und «mit schwindender Stimme» um Schonung bittet, «sein Schwert in den Hals, daß das Blut auf die Erde» fällt, er wirft sich das blutige Schlachtkleid des Getöteten über die Schulter, steckt sich dessen Waffe in den Gürtel...
Ort
Eine geräumige Wohnung an der Upper East Side in New York.
Zeit
2011 bis 2012.
Die ersten beiden Szenen spielen im Spätsommer 2011.
Die dritte Szene spielt drei Monate später im Herbst.
Die vierte Szene spielt sechs Monate später im Frühling.
Das Stück sollte ohne Pause gespielt werden
SZENE EINS
Licht.
Hohe Decken, Parkettboden, Profilleisten. Das...
Stefan, ein beflissener Abendkurs-Deutschlehrer, hat sich hart an die Belastungsgrenze geschuftet. Sein regulärer Job ist dabei nicht das Problem; schweißtreibend sind die ehrenamtlichen Nachtgedanken. «Wie kann ich den Konflikt im Nahen Osten lösen?», kreiselt es im Kopf des Neuköllner Jung-Pädagogen. Seine Schüler, deren Biografien buchstäblich vielseitig mit...
