Hannover: Aus der Mackerschmiede

Molière «Tartuffe»

Theater heute - Logo

Was ist dieser Tartuffe für einer? Ein Sektenguru, der einen Vater seiner Familie entfremdet, indem er gottgefällige Gebote ausspricht. Vielleicht sogar die Inkarnation eines ziemlich trendigen asketischen Zeitgeistes: gegen Rauchen, Trinken, Laisser-faire. Und hintenrum natürlich durch und durch verlogen. Wie die meisten Reinheitsapostel.

Bei Martin Laberenz in Hannover ist er zunächst einmal der Gegenstand eines Sprachspiels.

Lisa Natalie Arnold als Dienstmädchen Dorine kaut und krächzt und trällert und zungenkullert den Namen «Tartüüüüffe» minutenlang an der Rampe hin und her. Es wirkt, als solle mit diesen Vokal-Etüden Raum für einen möglichst vielstimmigen, vielschichtigen Zugang zum Molière­schen Protagonisten geschaffen werden. Aber gefehlt.

Das Haus des Bürgers Orgon, der sich dem Wanderprediger Tartuffe an den Hals geworfen hat und ihm bald auch Tochter und Besitz vermachen will, ist in Hannover ein hoch aufragender goldener Rundvorhang (Bühne: Volker Hintermeier). Eine Show-Kathedrale. Herein rollt ein alter Mercedes Benz und rutscht gleich mal auf die Stufen, die von der Tortenbühne hinab führen. Die paar Kratzer an seinem Benz dürften Herrn Orgon allerdings kaum den ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juni 2017
Rubrik: Chronik, Seite 57
von Christian Rakow

Weitere Beiträge
Ödön von Horváth: Niemand

Die Textgrundlage für die hier abgedruckte Tragödie «Niemand» von Ödön von Horváth ist ein
hektographiertes Typoskript, das der Berliner Verlag «Die Schmiede» 1924 als Bühnenmanuskript hergestellt hat.
Das Typoskript, das sich im Besitz der Wienbibliothek im Rathaus befindet (ZPH 1666), ist der
einzige bekannte Textzeuge dieses Werks.
Der vorliegende Abdruck von...

Eskapismus im Erdreich

Es summt und brummt in allen Ecken des Hauses, als seien seine Wände selbst lebendig geworden. In einer Ecke werden Messer geschmiedet, in der nächsten wird musiziert, dort plätschert Wasser durch ein Pflanzenbewässerungssystem, da sitzt eine Reihe von Menschen versunken an einem Tisch, jede*r für sich ein Video schauend. Die Maulwürfe sind eingefallen am...

Magdeburg: Alternative Lebensmodelle

«Wessen Herz ist schon ganz?», fragt Michailo Gurman achselzuckend. Oder er sagt Sätze wie «Das Glück liegt in einem Tag nur, in einer Stunde, einer Minute, Sekunde, in einem ungreifbaren Augenblick.»

Keine Frage, dem jungen Ukrainer mangelt es an optimistischer Lebenseinstellung. Was aber nicht weiter verwunderlich ist, wenn man weiß, dass er erst vor kurzem zum...