Ein Himmelfahrtskommando

Jette Steckel scheitert am Hamburger Thalia Theater triumphal mit der Dramatisierung von Nino Haratischwilis «Das achte Leben (für Brilka)»

Theater heute - Logo

Die Sowjetunion ist für Darja und mich in erster Linie die Familie.» Ungefähr nach vier Stunden spricht Niza Jaschi (Lisa Hagmeister) diesen Satz über sich und ihre Schwester (Franziska Hartmann). Ein zentraler Satz in Jette Steckels Uraufführungsinszenierung von Nino Haratischwilis «Das achte Leben (für Brilka)» am Hamburger Thalia – weil die Passage das narrative Programm Haratischwilis auf den Punkt bringt, Familiengeschichte mit sowjetischer Geschichte parallel zu führen.

Und weil die Passage einen Bruch in der Inszenierung darstellt, indem sie Körper und Text auseinanderfallen lässt: Hagmeister und Hartmann sprechen, während sie Hula-Hoop-Reifen um ihre Hüften kreisen lassen. Die Schauspielerinnen sind angestrengt, sie konzentrieren sich darauf, dass die Reifen nicht zu Boden fallen, sie sprechen mechanisch. «Die Sowjetunion: Das sind unsere Freunde. Unsere Straßen. Unsere Höfe. Unsere Parks. Unsere Spiele. Unsere Vergangenheit. Und selbstverständlich unsere Zukunft», keucht Hagmeisters Niza. «Die Sowjetunion ist ein Privileg, das wir beide, Daria und ich, lange genug genießen, weil wir den Nachnamen unseres Großvaters tragen.»

«Das achte Leben (für Brilka)», im Herbst 2014 ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juni 2017
Rubrik: Aufführungen, Seite 18
von Falk Schreiber

Weitere Beiträge
Eskapismus im Erdreich

Es summt und brummt in allen Ecken des Hauses, als seien seine Wände selbst lebendig geworden. In einer Ecke werden Messer geschmiedet, in der nächsten wird musiziert, dort plätschert Wasser durch ein Pflanzenbewässerungssystem, da sitzt eine Reihe von Menschen versunken an einem Tisch, jede*r für sich ein Video schauend. Die Maulwürfe sind eingefallen am...

Am Nullpunkt der Verständigung

Am Anfang war die Fehlbeleuchtung. Ein fahriges Flackern, ein irrendes Licht. Helle Flecken, die dem konturlosen Dunkel der Weltbühne abgerungen scheinen, sich bei aller Zufälligkeit doch ordnen und damit so etwas wie den Beginn einer Zeitrechnung markieren. Den Beginn einer Geschichte allemal, in der das nordfranzösisch-belgische Duo Halory Goerger und Antoine...

Wien: Das Glück aus dem Zylinder

Zu den Attraktionen des Oktoberfests zählte zu Horváths Zeiten ein Panoptikum, eine Art Black Box der Attraktionen. Das zylinderförmige Objekt aus leuchtenden und blinkenden Schnüren, das im Volkstheater auf der Bühne steht, erinnert entfernt an ein solches Panoptikum; es ist das Einzige, was in dieser Aufführung äußerlich auf die Wiesn verweist. Zu sehen ist das,...