Düsseldorf: Die Gemeinwohl-Falle

Shakespeare «Coriolan»

Theater heute - Logo

Politik ist nur Clownerie? Das scheint doch etwas plump gedacht. Es geht um Politik, so sehr wie in keinem anderen Shakespeare-Stück. Alle sind sie Clowns in Tilmann Köhlers Düsseldorfer Inszenierung – das wankelmütige Volk, die Volksvertreter, die nur ihre Funktion sichern wollen, die stolzen Aristokraten, der joviale Senator – alle meinen es ernst, aber alle spielen mit in einer schrecklich lustigen Show. Die Entscheidung, dem Stück eine einheitliche Großmetapher überzustülpen, scheint zunächst willkürlich. Aber eine Setzung rechtfertigt sich nicht vorab, sondern hinterher.

Und das gelingt tatsächlich. 

Coriolan, der römische Kriegsheld aus dem fünften vorchristlichen Jahrhundert, taugt nicht zum Konsul, weil er das Volk verachtet, dessen Zustimmung er braucht. Nach seiner Verban-nung läuft er zum Gegner, den Volskern, über, schont aber Rom auf Bitten seiner Mutter, was den Volskern den Vorwand liefert, ihn umzubringen. Vom römischen Super-Patrioten zum Volksfeind und Rom-Vernichter zum gemeuchelten Friedensstifter. 

In dem von Bühnenbildner Karoly Risz gebauten hölzernen Bühnenkasten spielt das Ensemble mit großer Lust und Direktheit und ganz ohne die auf der großen Bühne der ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juni 2019
Rubrik: Chronik, Seite 49
von Gerhard Preußer

Weitere Beiträge
Freie Szene Hamburg: Tröpfchenweise Wermut

Der Freien Szene Hamburgs geht es nicht gut. Grundsätzlich arbeitet man im freien Theater unter ökonomisch prekären Bedingungen, Bedingungen, die sich in der Hansestadt freilich noch einmal verschärft zeigen – wegen der hohen Lebenshaltungskosten sowie der schwierigen Förderbedingungen, gerade im Vergleich zu Berlin. Zudem leidet Hamburg seit einigen Jahren unter...

Stuttgart: Noch zu retten?

Die beste Szene wird man als Foto nirgends sehen: Das Ensemble steht splitternackt vorm Publikum und fordert es zu Atemübungen auf. Es geht um dieses «Wir lieben uns alle»-Atmen: «Wir sind Europa und niemand sonst. Wir stehen zusammen, nichts kann uns zerstören.» Ironie entlarvt Esoterik als Flucht in die kollektive Verantwortungslosigkeit: «Du hast es dir...

Kaiserslautern: Fish Face for Future

Wenn Brandenburg zum Sehnsuchtsort werden kann, dann muss der Alltag traurig aussehen. So wie der von E. Er verlässt nie seine kleine Wohnung. Beziehungen überfordern ihn. Er spricht ausschließlich mit einem Fisch, der im Glas seine Runden dreht. Draußen tobt derweil die Klimakatastrophe, irgendwann schwappen sogar Wellen an E.s Fenster. Die lange geplante...