Vermurkste Wahrheit
Alte Wunden eitern länger. Vor allem, wenn sie aus der Kindheit stammen. Wenn sie der Bruder, die Schwester gerissen hat, wenn sie einfach nicht heilen wollen, weil immer wieder jemand kommt und nicht vergisst und daran kratzen muss, an dieser dünnen Kruste, an diesen blutigen Flecken in der Erinnerung.
So geht es den Geschwistern in Daniel Mursas «Dreitagefieber»: Strik, Tanja, Ruth und Friedrich, alle um die 30, sind an dasselbe Schicksal gekettet, an ein Unglück, das auch eine Kains-Untat sein könnte, unaussprechlich und – daher bezieht das Stück seinen Suspense – lange auch unausgesprochen.
Dass so ein Verhältnis nicht gesund sein kann, ist bei der Uraufführung am Landestheater Tübingen unschwer zu erkennen. Strik frühstückt Brot und Zigaretten, als hätte ihm sein Existenzdesigner nichts Besseres beigebracht. Schwesterchen Tanja kommt und kichert unmotiviert, verliert ihr Kleid unmotiviert, fuchtelt unmotiviert. Nur ihre Albträume, die haben einen Grund. Tanjas Hirn ist aufgeschürft wie ihre Knie, zumindest legt Nadja Dankers’ Rollenverständnis am Rande des Nervenzusammenbruchs diesen Vergleich nahe. Till Bauer als Strik verströmt das Mitgefühl einer mechanischen Puppe im ...
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Vor gut einem Jahrzehnt ging ein Gespenst um in deutschen Schauspieldramaturgien, es hieß «Engel in Amerika» und war ein monströses zweiteiliges Theaterstück des hierzulande völlig unbekannten Autors Tony Kushner. Beide Teile währten, ungekürzt gespielt, je drei bis vier Stunden, so jedenfalls im Londoner West End und am New Yorker Broadway, wo «Die...
Der eine ist ein Luftikus und ein Lügner, und wenn ihm danach ist, macht er sich aus dem Staub. Auf den kann man nicht bauen. Der andere ist ein Wahrheitsfanatiker und ein Pflichtmensch. Wo andere kneifen, harrt er aus, und was er sagt, das tut er. Auf den ist Verlass. Der eine sucht sein Glück in der Freiheit, der andere sein Heil im Zwang.
Können Gegensätze größer...
Otto will Sex, und Hilde will keinen. Und wenn so eine ganz alltägliche Verweigerung auch noch von einer ganzen Spiegelwand im Mansardenschlafzimmer reflektiert wird, sollte das für einen testosterongeplagten Möchtegerncowboy wie Otto umso peinlicher sein. Ist es aber natürlich nicht. Otto (Thomas Huber) kann sich zum Beispiel seelenruhig im Badezimmer über...
