Totenbeschwörung auf der Insel

Bettina Schültke über Emine Sevgi Özdamars «Sterben in der Fremde»

Theater heute - Logo

Das ist der Tod, der vor mir steht – lacht!» Mit diesem Motto beginnt Emine Sevgi Özdamars Umwidmung eines barocken Totentanzes zu einem Memento mori in sieben Szenen, zu einem grausigen und komischen Spiel über Krankheit, Verlas­senwerden, Sterben im Exil und die Kraft, die der Mensch dagegen mobilisieren kann. Sie feiert keinen Kult der Vergänglichkeit, in dem der Tod triumphiert, sondern sie will das Leben befreien durch Bewusstmachen, Verarbeiten und Integrieren des Todes ins Leben.

Sieben Szenen, das sind sieben «Erzählungen», in denen über zwanzig verschiedene Figuren vorkommen; sie reichen vom alten türkischen Elternpaar über drei im Exil gestorbene Türken, die als Tote auftreten, die Autorin selbst und ihren Lebensgefährten, dessen Bruder und Frau, einer Gruppe japanischer Schulmädchen bis zu den realen historischen Figuren Walter Benjamin und Peter Zadek. Das hört sich erst einmal nach einer Überforderung des Theaters an, aber die Verbindungen der Orte, Zeiten, Kulturen und das Pendeln zwischen verschiedenen Erzählweisen gesche­hen bei ihr ganz einfach und logisch. Und eine der Aufgaben von Literatur ist es, dem Theater erst einmal Widerstand entgegenzusetzen.

Anfang und ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2011
Rubrik: Die neuen Stücke, Seite 168
von Bettina Schültke

Weitere Beiträge
Der gelbe Fleck

Paulus Hochgatterer, 1961 in Amstetten geboren, ist ein bekannter Facharzt und einer der besten Prosaautoren Österreichs. Er ist Arzt für Psychiatrie und Neurologie des Kindes- und Jugendalters und seit einigen Jahren Primar an der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Tulln/Niederösterreich. Als Facharzt ist er ein sehr gefragter Spezialist und das nicht nur in...

Der Sieger und seine Verfolger

Jens Harzer

Allein wie Jens Harzer am Thalia Theater den zu Tode zitierten Posa-Satz sagt von der Gedankenfreiheit, ist den ganzen «Don Carlos» wert – leicht, spielerisch, verführerisch, mit einer lässigen Hand­bewegung und seinem schiefen Lächeln, als sei das kein großes Ding. Anke Dürr

Seinen Ruhm hat Jens Harzer sich erspielt als fantastischer Alien des deutschen...

Gretchenpalimpsest aus dem Keller

Wer sich gefragt hat, wo eigentlich Elfriede Jeli­neks Text oder Stück zum Fall Josef Fritzl bleibt – hier ist er oder es. «FaustIn and out» schaut in die Hölle, die sich vierundzwanzig Jahre lang in einem unterkellerten Haus in Amstetten in Öster­reich befand. Der mittlerweile zu lebenslanger Haft verurteilte Fritzl hatte seine Tochter im Keller eingesperrt, mit...