Die Fallen des Mitleids

Berlin: Simon McBurney denkt an der Schaubühne mit Stefan Zweigs «Ungeduld des Herzens» über die (Un-)Möglichkeit der Empathie nach, Daniela Löffner und ihre Schauspieler spielen sich am Deutschen Theater in Turgenjews «Väter und Söhne»

Theater heute - Logo

Vor sechs, sieben Jahren war sie ein beliebtes Feuilletonthema und provozierte beträchtliche Abwehr: die immer wei­ter zunehmende Zuwendung zu Romanbearbeitungen auf deutschen Bühnen.

Sie begann mit Castorfs Dostojewski-Stücken in den 90er Jahren und ist mittlerweile so allgegenwärtig, dass gar nicht mehr auffällt, dass nichts so sehr die Inszenierungslust deutscher Regisseure anzustacheln vermag wie das weite Feld, das zwischen zwei Buchdeckeln liegt und beliebig beschritten werden kann, von Fallada, Herta Müller und Sepp Bierbichler über Zola, Houellebecq, Coetzee und John Steinbeck bis zu den nach wie vor unverwüstlichen Dostojews­ki-Brocken (dies nur eine kleine Auswahl an Autoren, die in den letzten drei Monaten an großen Häusern zu szenischen Ehren kamen).
Und längst hat sich das Motive-Abhaken ausdifferenziert. In Berlin sind zur Zeit zwei Inszenierungen zu sehen, die prägnant zeigen, auf welch unterschiedliche Weise das Epische zum Szenischen werden kann: An der Schaubühne inszeniert Simon McBurney Stefan Zweigs «Ungeduld des Herzens» als ausgefuchste Installation, am Deutschen Theater Daniela Löffner Turgenjews «Väter und Söhne» als berührendes Schauspielertheater.

Stefan ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Februar 2016
Rubrik: Aufführungen, Seite 14
von Barbara Burckhardt

Weitere Beiträge
Am Ende wartet immer der Tod

Das Almeida Theatre in Londons Norden steht, seit Rupert Goold die Intendanz übernommen hat, für und auf Klassiker-Updates. Nach einem komplexen «Kaufmann von Venedig» in Las Vegas machte man sich nun an die «Orestie». Die setzt Regisseur Robert Icke in seiner eigenen Fassung in ein unbestimmtes Heute, wo der Realpolitiker Agamemnon in seinem smarten grauen Anzug...

Bochum: Zettelwirtschaft

Der Fall ist gleich gelöst, aber ein Herz bleibt zerrissen. Kleists «Der zerbrochne Krug», erzählt nicht so sehr als Höllensturz und Sündenfall des alten Adam, sondern als Evchen-Tragödie. Sie verliert den Glauben an die Menschheit. Ihr allein gehört zunächst die Bühne in den Bochumer Kammerspielen: Eves seelischer Not, die alles aussagen könnte, aber nichts sagen...

Niemand hat nur eine Identität

Ivo Dimchev ist ein sanfter und wilder Künstlerteufel aus Bulgarien, der uns mit Sarkasmus, Schmerz, abgründig und komisch die Strukturen einer läppischen sozialen Verabredung um die Ohren haut und immer etwas weiter geht als die Erwartung. Als osteuropäische, nicht traditionelle Hure (wie er sich einmal nennt), holländisch geschult in postdramatischer Performance,...