Von Panik in Hass
Es ist ein altbekanntes Phänomen und bleibt doch komplett grotesk: Das Opernpublikum bejubelt frenetisch jede einzelne Diva, jeden Tenor und Bariton, spendet Bravos für Dirigent und Orchester und schaltet abrupt in dem Moment um, an dem der böse Regisseur die Premierenbühne betritt. Aus dem offensichtlich eben noch kollektiven Hochgefühl wird Empörung, Hass, ein gefährlich selbstsicherer bürgerlicher Mob brüllt sich langsam in Rage. Dann wieder die Sänger und Sängerinnen.
Aus den Brüllaffen werden – schwupp – wieder Schöngeister: Dankbarkeit für genossene Erbauungserfahrungen, Überschwang und Fülle, Bewunderung von Grazie und Grandezza – und dann wird wieder der Schalter umgelegt, Frank Castorf betritt die Bühne erneut, und eine gruselige Pegida-Horde geifert sich die Seele aus dem Leib. In Bayreuth ist die fast schon avanciert konzeptualistische Fähigkeit dieses Publikums, seine Rezeptionserfahrungen in zwei sauber und dicht getrennten Affektkammern zu verarbeiten, zur Standardreaktion geworden. In Berlin am Abend der Premiere von «La forza del destino» von Giuseppe Verdi in der Regie von Frank Castorf war es dann doch noch einige Nummern grotesker – und fühlte sich bedrohlich ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute November 2019
Rubrik: Zwischenruf, Seite 48
von Diedrich Diederichsen
Er hatte schon im Vorfeld seinen Respekt vor dieser Bühne kundgetan, ihrer Größe, ihrer Tiefe, ihrer Geschichte. Thorleifur Örn Arnasson, der 41-jährige isländische Regisseur, dessen Name spätestens seit seiner hannoverschen Mythenüberschreibung «Edda» 2018 (die er jetzt fürs Burgtheater aktualisiert) in Theaterkreisen zirkulierte, wusste, was er sich antat, als er...
Gewaltig und rein zugleich» – so empfindet Peter Handke das Gedicht «Annäherung an eine Person» von Gerlind Reinshagen, das in ihrem 2018 im Suhrkamp Verlag erschienen Gedichtband «Atem anhalten» abgedruckt ist. Kann diese Formel – gewaltig und rein zugleich – nicht gleichsam für das gesamte wundersam vielfältige Werk der Gerlind Reinshagen gelten? Die in...
Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!
Fridays for Future
Wenn jedes der Werkzeuge, sei es auf erhaltenen, sei es auf erratenen Befehl hin, seine Aufgabe zu erfüllen vermöchte, bedürfte es für die Meister nicht die Gehilfen und für die Herren nicht die Sklaven.
Aristoteles, Politeia
die kontinuität des ich–bewusstseins, soweit sie...
