Sekunde durch Hirn

Wer sich zur Vorbereitung auf die Saison durch eine Kiste Spielzeitprospekte blättert, findet viele wahre, warme Intendantenvorworte voller schönster Versprechungen. Nichts dagegen, aber es geht auch anders. Im Heft des Maxim Gorki Theaters findet sich ein kleiner Originalbeitrag von Wolfgang Engler, dem Soziologen, Autor und Rektor der Ernst-Busch-Schule. Eine Denkpause:

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Einer sehr pessimistischen Philosophie zufolge ist die Entfremdung in Gesellschaften der bei uns vertrauten Art so weit vorangeschritten, dass kein Rest bleibt, keine Regung, kein Wunsch und kein Begehren, die nicht die Imperative der vermarkteten und verwalteten Welt vollstrecken.

 

Das Bestechende an dieser düsteren Interpretation ist ihre Unwiderlegbarkeit. Wer widerspricht und dabei auf seine Freiheit pocht, verrät nur seine Naivität.

Er (oder sie) hat einfach noch nicht gemerkt, dass das «System» längst die innersten Bezirke des Selbst erobert und seinen Sinn genormt, geformt hat. Was immer sich die Individuen vorstellen, was sie denken, wollen, wählen – es fügt sich, wie von höherer Hand geleitet, in die bestehende Ordnung ein. Die «Multioptionsgesellschaft» ist ein grandioses Ablenkungsmanöver, Teil des Plans einer Vorsehung, die ihr Werk – fundamentale Alternativen aus den Köpfen und dem Streben der Menschen zu verbannen – mit rein irdischen Mitteln vollbringt. Dem Anschein nach kontrastreich, vielfältig, individualistisch wird das Leben in Wahrheit von Monotonie und Konformismus beherrscht und verströmt im festen Griff des falschen Insgesamt. Ich halte diese schwarze ...

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Theater heute Oktober 2009
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Wolfgang Engler

Vergriffen
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