Wenn die Hoffnung zum Debakel wird
In der Regel formulieren wir unsere Erwartungen für die nähere und fernere Zukunft auf der Grundlage von Linearitätserwartungen: Ein Mehr an Investition wird nach gewisser Zeit auch zu einem Mehr an Erträgen führen, mehr Wissen ist die Grundlage größerer Bildung, und dementsprechend erwarten wir auch von einer Politik der Demokratisierung eine Ausdehnung und Festigung der Demokratie. Unsere epistemische Ordnung ist durch Linearitätsannahmen grundiert.
Die Folge ist, dass wir Maximierung und Optimierung in der Regel als kongruent betrachten und die Vorstellung zurückweisen, beide könnten unterschiedlichen Entwicklungsmustern folgen. Vermutlich ist die Annahme, dass mehr auch besser sei, im Verlaufe der Geschichte erworben worden und keineswegs der Grundausstattung menschlichen Denkens zugehörig. Es dürfte sich dabei um eine Folge wachsender Naturbeherrschung handeln, die in periodischen Schüben die Entwicklung des Menschengeschlechts begleitet hat. Mit der Industrialisierung Westeuropas und Nordamerikas hat sich dieses Denkmuster endgültig durchgesetzt – bevor es dann mit dem Aufstieg ökologischer Überlegungen vor einigen Jahrzehnten in eine Krise kam.
Mehr ist nicht immer besser
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Anton Tschechow hätte sich vermutlich 1903 nicht träumen lassen, dass seine Szenen aus dem Landleben verarmender russischer Gutsbesitzer einmal den Lieblings-Bühnenspiegel einer bundesdeutschen Mittelstandsgesellschaft abgeben werden, deren Mitte so langsam der Stand wegbröckelt. Bei allen unübersehbaren Unterschieden gibt es gerade im «Kirschgarten» drei starke...
Lieber, lieber, sehr verehrter Frank Castorf, bitte machen Sie doch einmal in Ihrem Leben eine Inszenierung, die nicht über zweieinhalb Stunden dauert. Ich schwöre Ihnen: Es würde meine Lieblingsinszenierung des Jahrzehnts, mindestens, denn dass Sie eigentlich ein wunderbarer Regisseur sind, das ist Ihrem fünfstündigen «Hofmeister» von und nach J.M.R. Lenz im...
Der Demos», sagt Herfried Münkler, «ist aus einem Politikpartizipanten in einen staunenden Fernsehzuschauer verwandelt worden.» In ein für Populismus jedweder Art anfälliges Stimmvieh. Aus dem Volk ist eine Masse geworden, die sich lobbyistisch für Partikularinteressen zusammenfindet, ohne noch über ein Gemeinsames zu verfügen. So entsteht gewissermaßen ein neuer...
