In der Heimat
Ein ungarisch-österreichisches Grenzschloss bei Rechnitz Mitte des vergangenen Jahrhunderts atmet einen gewissen Stil. Die rautenbespannten Wände, die Reitstiefel in der Garderobe verbreiten gediegene Jagdschloss-Atmo, gleich kommt der Herr Graf um die Ecke und bittet zur Fuchsjagd. Stattdessen schauen fünf grinsend befrackte Schlossgespenster herein, edel gekleidete Provinzbarondämlichkeit im Anschlag, und plappern gutgelaunt drauflos.
Elfriede Jelinek wirft in «Rechnitz» ihren Sprachquirl an für ein besonders übles Gebräu aus Judenmassaker, Kriegsverbrechen, Mitläufertum und Nachkriegs-Schweigemauer. Ende März 1945 waren nahe dem Rechnitzer Landsitz derer zu Thyssen-Batthyány fast 200 jüdische Zwangsarbeiter erschossen worden und zwar von Teilnehmern einer Schloss-Partygesellschaft aus NS-Kameraden, zu denen möglicherweise sogar Gräfin Margit Thyssen-B. selbst zählte. Das Geschehen wurde später gründlich totge–schwiegen, obwohl im Ort jeder davon wusste und sich die Täter in späteren Jahren gern zu Enthüllungs-Opfern stilisierten. Jelineks frei palavernder Monologstrom mäandert zwischen Mordnacht, Nachgeschichte und Party-Smalltalk, kippelt zwischen Eingeständnis und Ausrede ...
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Theater heute Juni 2012
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Franz Wille
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Zunächst mal: Warm machen! Aus dem Orchestergraben tönen in unregelmäßigen Abständen die ersten Takte von Monteverdis «L’Orfeo» von 1607. Auf der Bühne häufelt ein glitter–geschminktes Girl im hautfarbenen Minikleid einen Kreis aus weißen Steinen auf, balanciert dabei auf schwindelerregenden Pumps, zumal, wenn sie sich ganz tief hinabbeugt und den Popo in Richtung...
