Das Märchen am Ende der Straße
Peter Handke war und ist eine Zumutung für das Theater. Zuerst, in den frühen «Sprechstücken», trieb der Autor es systematisch an seine formalen Grenzen. Seit «Über die Dörfer» (1981) schreibt er dramatische Gedichte, in denen es zwar vergleichsweise konventionelle Dialoge und Figuren gibt, die auf ihre Art aber ähnlich weit weg vom Drama sind wie Elfriede Jelineks Kaskaden; selbst die Szenenanweisungen sind bei Handke mehr Poesie als sachdienliche Hinweise.
In jedem zweiten Fall ist dafür Claus Peymann zuständig.
Nach der legendären «Publikumsbeschimpfung» 1966 in Frankfurt hatte Peymann auch neun der 19 folgenden Handke-Stücke uraufgeführt, zuletzt «Spuren der Verirrten» am Berliner Ensemble (2007). Und nach einer kleinen Unterbrechung – die auch für ihre Streitlust bekannten Herren hatten sich vorübergehend überworfen – durfte bei Opus 21 nun wieder Peymann ran, in einer Koproduktion von Burgtheater und Berliner Ensemble. Sie habe einen Regisseur gesucht, der das ganze Stück erzählt, erklärte Burgtheaterdirektorin Karin Bergmann ihre Wahl. Das klang plausibel, war aber trotzdem ein Denkfehler. Zu erzählen gibt es in «Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der ...
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Theater heute April 2016
Rubrik: Aufführungen, Seite 22
von Wolfgang Kralicek
Die Zombifizierung des Menschen im Maschinenzeitalter ist länger schon ein Thema für Claudia Bauer. In Dortmund setzte die Regisseurin Fassbinders «Welt am Draht» um. In Leipzig ließ sie jüngst für Wolfram Hölls «Und dann» Puppenmenschen wie von Radiowellen gesteuert durch ein surreales Erinnerungshaus schlurfen. Unter Pinocchiomasken.
Es ist gefühlt kein weiter...
Ödipus hat eben noch Nachrichten geglotzt. Das Volk rotte sich auf den Straßen zusammen, berichtet er seiner Gattin Iokaste, die zwar eben noch einen Apfel geschält, aber, als Ödipus endlich ins Schlafzimmer tritt, längst die Hoffnung auf einen Sündenfall aufgegeben hat. Sie liegt im Bett, er macht sich bettfertig. Eine Lage zum Vergessen, wer hier der Regent ist...
Die Regeln sind einfach: Sei cool, verdiene überdurchschnittlich, sieh gut aus und steh über den Dingen, also Dingen wie Herkunft oder Religion. Trage diese nur als Accessoire, als koketten Hauch von Authentizität. Amir und Emily, Jory und Isaac haben die Regeln verinnerlicht und entsprechend uniform treten sie auf: leichenblass, weißblonde Haare, rote Vampiraugen...
