Der Pate der Puppen
An markanten Setzungen fehlt es nicht: Das Happy End ist gestrichen, anstelle einer Jugendfreundschaft verbinden Mafia-Bande die Könige Leontes und Polixenes, die gesamte Handlung wird als Rückblick, vielleicht als Halluzination des greisen Leontes erzählt. Roberto Ciulli und sein Dramaturg Helmut Schäfer haben Shakespeares selten gespieltes «Wintermärchen» am Theater an der Ruhr in seine Einzelteile zerlegt und neu zusammengesetzt – als Reigen für zehn Geister der Vergangenheit.
Der alte Leontes (Volker Roos) residiert hier in einem weiten, düsteren Bühnensaal, den Gralf-Edzard Habben mit einer langen Tafel aus lumpigen Biergartenbänken ausgestattet hat – ob Monarchie oder Mafia, die besten Tage scheinen vorbei zu sein. Seine bosheitsbedingte Einsamkeit versüßt sich der Pate bei Ciulli durch die Gesellschaft einer lebensgroßen Puppe, einem gefügigen Abbild seiner allzu menschlichen Ehefrau Hermione. Das Original hat Leontes 16 Jahre zuvor in einem irrationalen Anfall von Eifersucht, der selbst Othello in den Schatten stellt, einsperren und sterben lassen.
Die Szenen, die vor dem inneren Auge des Espresso schlürfenden Mafioso aufsteigen – das angeschlagene Familienleben, die ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Februar 2015
Rubrik: Chronik Mülheim/Ruhr, Seite 53
von Cornelia Fiedler
Dieser Peer ist ein Prachtkerl. Einer, für den die Mädels alles stehen lassen und den seine Mutter insgeheim vergöttert, obwohl sie ihn ständig ausschimpft. Ein Rumtreiber und Prahler, dem man trotzdem kaum übelnehmen kann, dass er sich mit dem oder der ersten Besten nicht zufrieden geben mag, wo ihm doch auf märchenhafte Weise alle zu Füßen zu liegen scheinen.
Wie...
Sie kommen aus dem Norden. Die Grenze ist löchrig, und Schlepperbanden besorgen den Rest: zu Fuß, über das Land, herunter vom Hochplateau, aus den angrenzenden Nachbarländern Zimbabwe, Mosambik, Angola, aus Zentralafrika, dem Kongo, aber auch aus dem Nordwesten, Senegal, Elfenbeinküste.
Sie kommen aus dem Süden. Zu Fuß, durch die Wüste, überqueren Landesgrenzen des...
Friedrich Hofreiter muss zu seiner Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts eine imposante Figur gewesen sein: Gründerzeit-Industrieller mit Millionenvermögen und einer Villa in Baden bei Wien, wo die Gattin Genia residiert, die er regelmäßig mit gelangweilten Ehefrauen der besseren Gesellschaft betrügt; der Sohn geht in England aufs Internat. Außerdem spielt er ehrgeizig...
