Die Generalin
Allüberall steht er auf dem Spielplan, Shakespeares venezianischer Mohr. Das Stück über die Eliminierung des Fremden passt scheinbar gut zur Aufregung um dänische Mohammed-Karikaturen, eine Regensburger Papstrede und, jüngst, zur LKA-Warnung, die in Berlin zur Absetzung der Oper «Idomeneo» führte. Die Angst, sich unbeliebt zu machen bei den gefährlichen muslimischen Brüdern, geht um. Erst die Angst, dann womöglich die Gegenwehr? Werden wir ein Volk von Jagos? Türken raus?
Ein Kurzschluss.
Othello ist bei näherer Betrachtung das genaue Gegenteil eines gewalttätigen Fremden – bestens assimiliert, ein Konvertit, der Karriere gemacht hat, der Colin Powell des Welttheaters. Jagos Vernichtungsfeldzug gegen seinen Vorgesetzten speist sich aus Rassismus so wenig wie aus Angst, sondern aus der blanken Lust eines Zurückgesetzten an der Intrige. Das politische Aktualisierungspotenzial des Stückes hält sich in Grenzen; Lars-Ole Walburg lässt sich in Hannover denn auch auf aktuelle Debatten kaum ein. Das Drama ist ihm Spielmaterial und sonst gar nichts.
Sein Spielmacher ist ein frei hinzuerfundener Engel. Jovial begrüßt der halbnackte fette junge Mann mit hüftlangem Strähnenhaar und weißen ...
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Es geht los mit einer Diashow (Kinderurlaubsbilder an der Ostsee) über einem Plateau von etlichen Tischen mit Tischdecken von vor dreißig Jahren, entsprechende Musik dazu. Doch der Retro-Dreh (Ausstattung Tom Musch) hat seinen Haken. Nie weiß man in dieser Inszenierung, wo sie zeitlich verortet ist und wessen Erinnerungsimagination hier auf dem Spiel steht. «Hafen...
Gegen das Vergessen!» – so lautete einst der Leitgedanke der künstlerischen Auseinandersetzungen mit Faschismus, Holocaust und dem Zweiten Weltkrieg. Es ist ein Appell, dem die bleierne Zeit der fünfziger Jahre wie ein Negativabdruck eingeschrieben ist, weil sich das Ausrufezeichen gegen eine Gesellschaft wandte, die sich nicht erinnern wollte – zum übergroßen Teil...
Irgendwann am Eröffnungsabend sagte der neue Intendant, er wolle «kein hippes Theater» machen. Mit Blick auf das Mitte-Völkchen aus Kunst, Politik und Journaille, das sich währenddessen im lichtergeschmückten Garten des Maxim Gorki Theaters tummelte, zwischen zehn Premieren an sechs Spielorten hin- und herschwirrte und sich pudelwohl zu fühlen schien, klang das...
