Der Exzess kommt aus dem Norden...
Erhart Borkman schlägt die Zeit tot. Er dribbelt mit dem Basketball. Trinkt Cola und mampft Chips. Liest ein Spiderman-Comic. Kichert am Laptop. Liegt auf dem Bett und stiert an die Decke. Hindert an der Playstation eine rote Kugel daran, rechts oder links gegen die Bildschirmkante zu stoßen. Holt sich, belauscht von seiner Tante, mit Blick auf ein paar H&M-Wäschemodels einen runter. Theoretisch also total artgerechtes Teenagerverhalten.
Hier, im Theaterexzess «John Gabriel Borkman», den das deutsch-norwegische Regiepaar Ida Müller und Vegard Vinge nächtelang in der Volksbühnendependance Prater durchexerziert, allerdings so radikal künstlich, dass einem dabei Hören und Sehen vergeht.
Offengestanden: Zu diesem Zeitpunkt, nämlich rund drei Stunden nach Beginn der Performance, ist uns schon mehrfach Hören und Sehen vergangen. Unter anderem haben wir einem Eisbär beim schmatzenden Ausweiden einer menschlichen Leiche zugesehen, in tosender Lautstärke die «Tannhäuser»-Ouvertüre gehört, der ausführlichen Hinrichtung von vier nackten Gestalten mit Hilfe einer Papp-Pistole und mehreren Tuben Theaterblut beigewohnt und eine akrobatische Meisterleistung bestaunt: Erharts böses Alter Ego, ...
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Theater heute Januar 2012
Rubrik: Aufführungen, Seite 18
von Eva Behrendt
Er verzeihe denjenigen, die im Oktober mit Gewalt versucht haben, das Publikum am Besuch der Vorstellung im Pariser Théâtre de la Ville zu hindern, schreibt der italienische Theatermacher Romeo Castellucci auf seiner Homepage, er verzeihe ihnen, weil sie nicht wussten, was sie tun. Und nimmt damit selbst die Pose des Erlösers ein, den die militant christlichen...
Eine schmucke kleine Hochzeitsgesellschaft, vielleicht irgendwo auf dem Balkan, wo das legendäre Illyrien liegen soll, vielleicht auch bloß beim Griechen in Bochum-Stiepel. Die Braut trägt Weiß, der Vater des Bräutigams packt langen Unsinn in eine kurze Rede, der Kellner ist nervös, der Bräutigam gibt sich Mühe, nett zu sein. Bis dahin ist alles korrekt (abgesehen...
Freies Theater» war mir lange eine eher Beklemmung auslösende Kategorie aus der Vergangenheit. Ich denke vor allem zurück an viel Unfreiwilligkeit. An Instandbesetzung und Beharrungsvermögen, an sehr lokale Phänomene unterhalb des Tellerrands, an basis–demokratische Gruppen mit der charmant-militanten Ausstrahlungskraft von Stadtteil- und Soziokulturprojekten. War...
