Rohstoff Wut

Wer wütend ist, glaubt recht zu haben. Aber wie wird aus Wut-Energie gesellschaftliche Auseinandersetzung und politischer Streit? Braucht es dafür neue Formen? Und wie könnten die aussehen? Von Diedrich Diederichsen.

Theater heute - Logo

1. Wut

Muss man trennen von Zorn und Empörung. Zorn weiß sich legitim. Die Diskrepanz zwischen dem, was das Rechtsempfinden weiß, und der Realität des Rechts ist stabil. Wut ist dagegen trauriges Tasten und Tappen im Dunkeln auf der Suche nach Legitimität und einer dumpfen Ahnung von der Maßlosigkeit ihres Gegenübers.

Empörung ist die Auffrischung eines älteren oder das Aufwecken eines schlummernden Legitimationsdiskurses: Erst bin ich sprachlos vor etwas, das geschieht, dann greife ich nach einem Halt von früher und finde etwas – das kann auch falsch und unangemessen sein: Dann reicht die Empörung nicht zum Zorn. Wut ist zwar der Rohstoff, den Zorn wie Empörung brauchen, sie wäre in ihrem Zusammenhang aber schon veredelt oder verhüttet. Zorn und Empörung führen den Streit. Wut tritt eher alleine auf. In letzter Zeit immer öfter. Doch Wut hat eine Genealogie: Sie ist aus dem Streit herausgefallen. Im Streit ist sie gebunden: eine notwendige, agonale Energie, die sich im Streit vergesellschaftet. Verlieren Aktanten im Streit jede Chance, verlieren sie ihre Position oder kann der Streit überhaupt nicht mehr geführt werden, dann tritt die gebundene Wut heraus und taucht frei, radikal ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2011
Rubrik: Diedrich Diederichsen, Seite 46
von Diedrich Diederichsen

Weitere Beiträge
«Die spielen nicht das Klischee!»

Als Sie alle das «Verrückte Blut» im vergangenen Jahr herausgebracht haben, tobte gleichzeitig die Sarrazin-Debatte. Ihre gefeierte und auch beim Berliner Theatertreffen gezeigte Aufführung handelt von einer konfliktge­lade­nen Schulklasse und spielt mit den Klischees, aber auch den Wahrheiten von muslimischen Macho-Jungs und vermeintlich unterwürfigen...

Eine deutsche Erfindung

Nur der Deutsche kann den Wutbürger erfinden. Im Deutschunterricht nannte man so etwas ein Oxymoron: ein Wort aus zwei gegensätzlichen Begriffen. Aber der Deutsche kann eben nicht einfach wütend sein, ohne dabei Bürger zu bleiben. Wäre er, der deutsche Bürger, nur wütend und sonst nichts, drohte ein noch viel größeres Problem als das seiner Wut, nämlich der Verlust...

Die Kleider des Jahres

Gerne werden sie von Kritikern übersehen und bleiben unerwähnt, die Kostümbildner(innen), weil es angeblich Wichtigeres im Theater gibt. Aber die Kostüme von Victoria Behr sind einfach nicht zu übersehen, nicht einmal von Kritikern: die Kostümbildnerin des Jahres!