Ressourcen statt Identität
Der Begriff Leitkultur ist in meinen Augen kontaminiert, und ich bezweifle, dass er sich rehabilitieren lässt. Nicht nur laut «Wikipedia» führte ihn der Politologe Bassam Tibi 1996 in die deutsche Sprache ein. Er wollte eine europäische Leitkultur als «Quelle einer verbindlichen Werteorientierung» und eines «demokratischen, pluralistischen Interessenausgleichs» verstanden wissen. 2000 verengte der CDU-Politiker Friedrich Merz den Begriff und mahnte in Verbindung mit einer «freiheitlich deutschen Leitkultur» Regeln für Einwanderung und Integration an.
Seitdem ist viel zur Leitkultur gesagt worden, in jüngster Zeit sogar eher mehr als weniger und in immer schrilleren, unangenehmeren Tönen. Der Begriff erhitzt die Gemüter.
Während Vertreter des linksliberalen Lagers den Freunden der Leitkultur schnell reaktionäre Hegemonieansprüche und Deutschtümelei unterstellen, bringen konservative Kräfte im Buhlen um verunsicherte Wähler den Begriff gegen Multikulturalismus in Stellung. Heraus kommt meist ein Katalog an Benimmregeln, der vor allem der Selbstvergewisserung dient. Thomas de Maizière hat mit seinen zehn Thesen und dem griffig-populistischen Statement «Wir sind nicht Burka» 2017 ...
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Theater heute Jahrbuch 2018
Rubrik: Die Heimatfrage (2), Seite 84
von Oliver Reese
Deutschland muss weniger deutsch werden. Das ist ein harter Satz. Vor allem, wenn er von einem Niederländer kommt. Ich meine das aber nicht arrogant. Ich meine das eher verführerisch.
Denn ich beobachte zwei Dinge. Heimat und Identität haben viel mit Sprache zu tun. Zum einen sind die Deutschen sehr tolerant, sie akzeptieren zum Beispiel, wenn ein Ausländer ein...
Eine neue deutsche Leitkultur, das klingt aber therapeutisch! Als könnte man etwas erfinden, das alle Probleme löst. Und solange man es nicht gefunden hat, ist es auch in Ordnung, dass die Probleme da sind. Es kann ja gar nicht anders sein, ohne die größte und beste Erfindung. Eine Art gesellschaftlicher Weltformel. Und klar, das Wort kann gar nicht anders als auch...
Im Winter 2014 lud die Basler Kulturbehörde zur Vorstellung des designierten Intendanten ins Kunstmuseum Basel. Es war ein halböffentlicher Anlass, gemünzt auf die leidenschaftlichsten Theatergänger und stadtbekannten Influencer. Es gab eigentlich auch gar kein Geheimnis mehr zu lüften, ein gewisser Andreas Beck aus Wien sollte das größte Dreispartenhaus der...
