Wien: Jesus putzt
Der Teufel steckt wie immer im Detail. In einem Großraumbüro, in das kein Tageslicht fällt, türmen sich auf den Schreibtischen dicke Wälzer über Religionsgeschichte und Ordner über einen gewissen Pontius Pilatus, der laut Neuem Testament Jesus zum Tode verurteilt hat. Wo sind wir hier? Das estnische Regie- und Ausstattungsduo Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo hat für die Dramatisierung von Michail Bulgakows berühmtem Roman «Meister und Margarita» im Wiener Akademietheater eine zeitlos triste Spielstätte entworfen, die Redaktionsstube, Verlag und Zensurbehörde in einem sein kann.
Nur sonderlich russisch ist hier nichts.
Zu Beginn agieren die gestressten Bürokräfte so aufgekratzt, als wären sie in einer Inszenierung von Frank Castorf oder René Pollesch. Auch, was sie zum Besten geben, klingt nicht nach Bulgakow. «Religion ist so tyrannisch wie Nordkorea», brüllen sie in die Livekamera, die alles auf einen riesigen Bildschirm überträgt. Sie erklären, wie toxisch das Alte Testament ist, das vor Rassismus und Frauenfeindlichkeit nur so strotzt. Durch die Gänge aber schleicht eine seltsame Putzkraft, die diesen aufgeklärten Atheisten-Diskurs wortlos verhöhnt: Ein blutüberströmter Jesus ...
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Theater heute Dezember 2019
Rubrik: Chronik, Seite 55
von Karin Cerny
Lütten Klein ist eines dieser Rostocker Neubauviertel, deren Lage wir Innenstadtkinder bis weit in unsere Schulzeit hinein nie richtig zuordnen konnten. Irgendwo links oder rechts der Stadtautobahn Richtung Warnemünde. Wenn wir in den Jahren nach der Wende mit dem Fahrrad zum Strand nach Warnemünde fuhren, mussten wir zwischen den Plattenbauten von Lütten Klein...
«Azione», ruft Milo Rau. Blutend wird Jesus die engen Gassen hinaufgetrieben. Hinter ihm, in der kühlen Sonne des frühen Oktobertages, weiten sich wie gestapelte Bausteine die Höhlen der Sassi im süditalienischen Matera, seit 1993 UNESCO-Weltkulturerbe und 2019 europäische Kulturhauptstadt. In Matera wurden schon viele Jesus-Filme gedreht, am bekanntesten das...
Nicht, dass Cornelia Crombholz eine Berufsalternative gebraucht hätte. Sie besaß aber trotzdem eine. Als Kind, erzählte sie einmal, wollte sie Kapitänin werden. Wenn man sie in den Theaterferien kontaktierte, konnte es gut sein, dass man sie irgendwo beim Segeln erwischte: Fernweh gehörte früh zu den Lebensbegleitern der 1966 in der DDR geborenen und im...
