Weite, Tiefe, Höhe
Es war ein denkwürdiger Abend, Ende Mai im letzten Jahr, als «König Lear» am Wiener Burgtheater Premiere hatte. Diverse Shakespeare-Stücke waren im Rahmen von Klaus Bachlers Shakespeare-Zyklus bereits über diese Bühne gegangen und alsbald wieder vergessen worden. Nun das: ein Epos von fünf Stunden, mit großem Atem inszeniert, märchenhaft und hochaktuell in einem – die Geschichte eines Fehltritts, der ganze Familien in die Katastrophe reißt und unaufhaltsam ins Debakel führt; politische Konsequenzen inbegriffen.
Gert Voss, der Lear von Luc Bondys Inszenierung, trat an als altertümlicher Herrscher mit souveräner Haltung; nach und nach verlor er den Boden unter den Füßen und die Macht aus den Händen, bis er als Irrer – oder Erleuchteter? – im Orkan, fernab von Hof und Gesellschaft, zu elementarer Weisheit – oder Naivität? – fand und zuallerletzt, vor dem Tod, zur Demut. Voss entwickelte eine ungeheure, ja beängstigende Spielfantasie. Um ihn herum schien das gesamte Ensemble wie elektrifiziert von Stoff und Stimmung. Andrea Clausen und Caroline Peters steigerten sich als Lears böse Töchter in einen Machtrausch hinein, der die Männer an ihrer Seite zu Werkzeugen degradierte. In einer ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Langweilig ist es nicht in Johannes Leppers letztem Intendantenjahr am Theater Oberhausen. Thirza Bruncken hat eine völlig durchgeknallte Version von Dürrenmatts «Besuch der alten Dame» inszeniert, und der leise, behutsame Valentin Jeker verabschiedet sich mit einem atmosphärisch stimmigen «Kaufmann von Venedig» vielleicht ganz aus dem Theatergeschäft. Auch Lepper...
Am Staatstheater Cottbus sitzt Doktor Heinrich Faust im anthrazitfarbenen Dreiteiler am Laptop und hackt missmutig «Habe nun, ach!» in die Tastatur. Der Brockhaus ist hier quasi längst digitalisiert: Statt Bücherwänden umgeben den ergrauten Akademiker lediglich kahle dunkle Wände; und was die Welt im Innersten zusammenhält, muss im Zweifelsfall das world wide web...
Jeder erfüllt nur seinen Zweck. Von der Allmacht eines Regimes erzählt Mark Ravenhills neues Stück, und von der Ohnmacht des Einzelnen dem System gegenüber. Vom Totalitarismus also und von der Banalität des Bösen: Nichts umwerfend Neues, gewiss, andere haben es in (meist kurzlebigen) anderen Dramen auch schon getan. Dennoch muss es wohl immer wieder verhandelt...
