Feldforschung in Heinersdorf
Der gegenwärtige Stand: ein Konvolut von über dreihundert eng beschriebenen Seiten –
Gesprächsprotokolle, Einblicke in Lebensläufe, mitgebracht von einer mehrwöchigen Forschungsreise in den Alltag rund um eine innerstädtische – nein: randstädtische – Brachfläche, deren Bebauungspläne zu heftigen Auseinandersetzungen führten. Die Aufregung geriet so groß, dass nicht nur deutschlandweit die Medien berichteten, sondern kurzzeitig Reporter aus der ganzen Welt angelockt wurden.
Was war passiert? Das lokale Bezirksamt hatte das billige Bauland, gelegen zwischen Fast-Food-Restaurant und Shell-Tankstelle in der Nähe eines Autobahnzubringers, einer muslimischen Gemeinde zugesprochen, die sich auf der Suche nach einem Ort für ein neues Gotteshaus befand. Die Anwohner reagierten aufgebracht, schlossen sich in einer Bürgerinitiative zusammen, demonstrierten Hand in Hand mit Lokalpolitikern verschiedener Couleur und skandierten: «Wir sind das Volk!» Eine zweite Bürgerinitiative wurde gegründet, die gegen die erste Bürgerinitiative in Stellung ging, Zeitungen berichteten von schwelender Pogromstimmung. Schließlich wurden Brandsätze gelegt. Ein realer Fall. Ereignet hat er sich 2006 im bis ...
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Theater heute Jahrbuch 2009
Rubrik: Stücke der neuen Spielzeit, Seite 180
von Judith Gerstenberg
Christoph Schlingensief ist nicht Erster geworden, aber gewonnen hat er auf der ganzen Linie. Kaum ein Künstler hat dieses Jahr im Theater für so viel Diskussionsstoff gesorgt wie der Regisseur, der seine Krebserkrankung und die damit verbundenen Zweifel, Ängste und Hoffnungen offensiv künstlerisch und in der Öffentlichkeit thematisiert hat. Und keiner wurde in so...
Jürgen Gosch hat – außer auf direkteste Nachfrage – nie öffentlich über seine Krebserkrankung gesprochen. Im Juni ist er gestorben, kein halbes Jahr nach der «Möwe»-Premiere. Michael Eberths Probennotate geben Einblick in eine außergewöhnliche Theaterarbeit.
In Elfriede Jelineks Texten reden sich die Leute zuverlässig um Kopf und Kragen. Besonders, wenn sie sich Mühe geben, nichts Falsches zu sagen. Aber was soll man in «Rechnitz (Der Würgeengel)» über ein Massaker an 180 Juden und anschließende Jahrzehnte des Totschweigens auch Richtiges sagen?
In Dennis Kellys Texten dagegen kommt für das Zuschauerauge kaum jemand so...
