Mehr Kampf, mehr Frust, mehr Intensität
Letzte Nacht habe ich nicht geschlafen, weil am Ende meiner Straße so viele Hunde heulten. Am nächsten Morgen heißt es im Radio, dass es 18.000 von ihnen gibt. 18.000 streunende Hunde in einer Stadt. Als ich aus dem Fenster blicke, wühlt jemand in der Mülltonne. Die Tonnen stehen immer offen, auch wenn sie einen Deckel haben. Es ist ein Roma, der wahrscheinlich alte Pappe sammelt, um sie zu trocknen, zu pressen, zu schnüren und wieder zu verkaufen. Achtlos wirft er etliche Gegenstände aus der Tonne, bis er ein dickes Taschenbuch greift.
Anstatt es zu entsorgen, öffnet er es und liest sich fest.
Ich breche auf zum größten Markt der Stadt. Früher hatte er mehr Stände, heute ist er sauberer und teurer. Hier oben, auf dem höchsten Punkt der anderen Stadt auf sieben Hügeln, sieht man den typischen Nebeldunst kaum. Die Cafés sind brechend voll, die Leute sehr arm oder sehr schick, wir könnten auch in Málaga oder in Odessa sein. Oder doch eher in Neapel. Gestern hat es eine Schießerei gegeben, höre ich beim ersten Frischgerösteten des Tages, und Francis Ford Coppola hätte sie nicht besser filmen können. Das war eine echte Mafia-Abrechnung; ein Auto samt Insassen wurde zersiebt, mitten ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Januar 2012
Rubrik: Ausland, Seite 4
von Branka Schaller-Fornoff
Eine grüne Drehbühne, im Hintergrund eine runde Bildprojektion. Vorn ein Stehpult für die Hauptdarsteller: Erst spricht der Bundespräsident, dann die Kanzlerin und jetzt der Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Er dreht und wendet etwas linkisch das Manuskript, bevor er anfängt. Dafür gibt es vom gefüllten Auditorium des Badischen Staatstheaters Szenenapplaus....
Julia Wieninger steht in einer Küche mit Umzugskartons und spielt Julia Wieninger, die gerade nach Köln gezogen ist. Sie erzählt, wie sie Hanna auf der Straße vor dem Theater angesprochen hat, nach wochenlanger Suche in Büdchen, Museen und U-Bahnen. Und dann klingelt es an der Tür, Julia Wieninger verlässt die Bühne – und kommt als Hanna wieder herein. Das Haar zum...
Freies Theater» war mir lange eine eher Beklemmung auslösende Kategorie aus der Vergangenheit. Ich denke vor allem zurück an viel Unfreiwilligkeit. An Instandbesetzung und Beharrungsvermögen, an sehr lokale Phänomene unterhalb des Tellerrands, an basis–demokratische Gruppen mit der charmant-militanten Ausstrahlungskraft von Stadtteil- und Soziokulturprojekten. War...
