Die Heimholung
Es ist nur ein Katzensprung vom Wiener Burgtheater am prachtvollen Universitätsring zur nicht weniger prachtvollen Votivkirche am Rooseveltplatz, die im Dezember 2012 von einer Gruppe von Asylbewerbern besetzt wurde. Von hier aus führten sie ihren Kampf um Anerkennung und gegen Abschiebung – ein größtenteils erfolgloser Kampf.
Elfriede Jelinek nahm das «Refugee Protest Camp Vienna» und die Bootskatastrophe vor Lampedusa im Oktober 2013 zum Anlass für ihren wütend in der Wir-Form Partei ergreifenden Text «Die Schutzbefohlenen» (abgedruckt in TH 7/14), den Jelinek-Experte Nicolas Stemann letzten Mai in Mannheim zur Uraufführung brachte.
Seitdem gab es einige Nachspiele, in Bremen, Freiburg, Oberhausen, die sich alle wie Nicolas Stemann die Frage stellten, ob und wie das überhaupt geht: dass weiße, komfortabel im deutschen Theatersystem gebettete Schauspieler für die Ausgegrenzten und Ungebetteten sprechen, ihr Wir übernehmen, ihre Stimmen. Stemanns Inszenierung, die das diesjährige Theatertreffen eröffnet, hat diese Frage zum Ausgangspunkt einer Drei-Stufen-Dramaturgie gemacht: Die Stimmen aus weißem Schauspielermund wandern in den farbiger Darsteller und werden schließlich von ...
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Theater heute Mai 2015
Rubrik: Aufführungen, Seite 26
von Barbara Burckhardt
Zu Beginn ein gut halbstündiges, aufwändiges Herumwirtschaften in düsteren Räumen. Offenbar handelt es sich um Nonnenalltag in einem Kloster: stumme Szenen mit Krankenpflege, Mittagessen, Arbeit im Salatbeet. Alles minutenweise aufblitzend, nur schemenhaft sichtbar hinter halbdurchsichtigem Vorhang, unterbrochen von großem Kulissen-Geschiebe und Gerenne der...
Unerträglich lange Umarmung
Aus dem Russischen von Stefan Schmidtke
Die physikalischen Gesetze haben für alle Beobachter, die sich mit konstanter Geschwindigkeit bewegen, also keiner Beschleunigung unterliegen, dieselbe Gestalt.
Relativitätsprinzip der speziellen Relativitätstheorie, Albert Einstein
Siehst du den blauen Punkt, mein Sohn? Geh da hinein.
...
Um kernige Worte war Sewan Latchinian in den letzten Wochen nicht verlegen, wenn er auf die Theaterpolitik im Land Mecklenburg-Vorpommern und in der Hansestadt Rostock zu sprechen kam. «Unsinnig und asozial» nannte der Intendant in einer Ansprache vor der jüngsten «Mahagonny»-Premiere den Bürgerschaftsentscheid, das von ihm geführte Volkstheater um zwei Sparten zu...
