Cool
Früher war alles ganz anders». Früher gab es Fußball, Küsse von Mädchen, Apfelbäume. Mittlerweile «ist der Wurm drin», ein Cyberworm vermutlich. In «Hikikomori» frisst er sich in Lichtgeschwindigkeit durch die verwanzten Matratzen, die klapperigen Computertastaturen, durch das fiebrige Hirn des Eingekapselten H., mitten ins Herz dieser ultimativen Slacker-Show aus dem Hamburger Thalia Theater (Text: Holger Schober; Regie: Dominik Günther). Wir sehen einen mentalen Kollaps im Multimedia-Zeitalter. «Ich lebe hier mit mir selbst, und das ist schon einer zu viel.
»
Ex-Sonderpädagogikstudent H. alias Ole Lagerpusch versumpft in der taglichtarmen Höhle seines Jugendzimmers; Selbstekel bekämpft er mit Raumspray. Für letzte anonyme Kontakte muss der Online-Chat herhalten. Doch eine Romanze mit User «Rosebud» kitzelt allenfalls noch in der Fantasie (und in der Hose). Eingelöst wird nichts mehr. Wie eine Kröte wirft sich Lagerpusch immer wieder gegen die Zimmerwand, auf der Mangas und Shooter-Videos flackern. «Ich bin nicht euer verfickter Fernseher», ätzt er gegen das Publikum, wissend, dass diese radikale Zurschaustellung einer Ich-Krise, ästhetisch gesehen, ein verfluchter Triumph ist.
D ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Das könnte Sie auch interessieren:
Probleme und Perspektiven des Kindertheaters
Dramaturgie des Kindermusiktheaters
Kathleen Morgeneyer ist Nachwuchsschauspielerin des Jahres 2009
Was für ein Projekt! Eigentlich wäre es bereits ein wahnwitziges Unterfangen, zwei Filme und einen Roman von Pier Paolo Pasolini als Theaterabende zu inszenieren. Aber diese Herausforderung reicht dem italienischen Regisseur Nanni Garella keineswegs. Er arbeitet mit einem Schauspielerensemble von professionellen Darstellern und psychisch Kranken. Also unter extrem...
Es entbehrt nicht der Ironie, dass Dirk Lauckes jüngste Auftragswerke in besonders vorbildlichen westdeutschen Städten das Licht der Bühnenwelt erblicken. Das romantische Heidelberg mag eine Touristenfalle sein, an diesem Mai-Abend wirkt es wie ein Treffpunkt der Kulturen.
Und Osnabrück, das sich «Friedensstadt» nennt, als sei der Dreißigjährige Krieg erst gestern...
Nun also San Pancrazio statt Turin. Peter Steins mit Spannung erwartete, im April plötzlich gekippte, millionenschwere Prestigeproduktion des renommierten Teatro Stabile di Torino auf vier Abende für jeweils 96 Zuschauer gestutzt. Die bösen Geister des vorrevolutionären Russland auf der Probebühne eines Landes, in dem die Politik seit langem nur noch Farce ist. Die...
