Arterhaltung und Seitensprung
Das Jahr 2005 war für Lukas Bärfuss in mancherlei Hinsicht ein bedeutendes Jahr: Er wurde Vater, wurde mit seinem Stück «Der Bus (Das Zeug einer Heiligen)» zum Dramatiker des Jahres gewählt und mit einem früheren, «Die sexuellen Neurosen unserer Eltern», in siebzehn Sprachen übersetzt. Gerade deshalb hat er bei der Arbeit an seinem aktuellen Stück »Die Probe» das Gefühl, er müsse sich neu erfinden. Ständig streicht er ganze Passagen, eben weil sie so gut funktionieren, oder wird misstrauisch, weil ihm von sich selbst schon Bekanntes begegnet.
Noch nie habe er beim Schreiben so viele Flüche ausgestoßen und gleichzeitig so viel Spaß gehabt, wenn er morgens ins Büro unweit der Wohnung in Zürich geht.
Zum Ausgangspunkt für «Die Probe» wurden ihm zwei Lektüren – und für Lukas Bärfuss, den Literaturautodidakten und ehemaligen Buchhändler, sind solche Expeditionen in fremdes Bleistiftgebiet häufig existenzielle Erfahrungen. Da war zum einen Michel Foucaults «Die Wahrheit und die juristischen Formen» und zum anderen der Briefwechsel des Schweizer Kriminalromanautors Friedrich Glauser, in dessen Korrespondenzen Bärfuss die Beziehungsformen, Umgangsweisen, Liebesarten und ...
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Was für ein kaltes Luder! Gerade erst hat man sich gemütlich eingerichtet im schicken Wohnzimmer der Tesmans und in Thomas Ostermeiers elegant realistischer Inszenierung, hat sich wohlwollend und eine Spur gelangweilt angehört, wie Lars Eidingers Jörgen Tesman leicht trottelig, zerstreut und beflissen die nervös bemühte Tante Jule (Lore Stefanek) besänftigte, da...
Da hocken sie wieder, wie jedes Jahr, und draußen in der Welt rauscht das Leben vorüber. «Oh Gott, ist das öde und blöde», stöhnt Anna Petrowna mit Blick auf all die Dummschwätzer und Luschen, die sich auf ihrem Gut versammelt haben und nur auf eines warten: das Mittagessen. Dick sind sie geworden, der Winter war lang. Ihre Leiber schwitzen in der Sonne, und in...
Es war einmal ein namenloser Diener, der von seinem Herrn, einem gewissen Capulet aus Verona, eine Gästeliste in die Hand gedrückt bekam und darauf starrte wie jenes sprichwörtliche Schwein in jenes sprichwörtliche Uhrwerk. Der Kerl konnte weder lesen noch schreiben und hatte dennoch einen Auftrag zu erfüllen, der von ihm verlangte zu wissen, was geschrieben steht....
