Gut parallel ist nie daneben
Zitate sind aus dem Zusammenhang gerissene Sätze. Diese Sätze haben eine seltsame Eigenschaft: Sie sind immer wahr. Kein Kontext prüft sie mehr. Gezielt nach dem Bild des Zitats geschriebene Sätze nennt man Aphorismen. Ihr provokanter Scheintiefsinn schreit nach prüfender Vervollständigung, nach Kontext, nach Inszenierung. Doch relativ selten sind Motti und Aphorismen verfilmt oder auf die Bühne gebracht worden, und wenn, dann von eher essayistisch gestimmten Filmemachern wie Eric Rohmer mit seinem Sprichwörterzyklus.
Dieses Genre des «abgeklärten chinoiden Teekannenspruchs» (Handke) kann einem aus vielen guten Gründen auf die Nerven gehen. Aber an dem Abend, von dem hier die Rede sein wird, erlebte man eindrücklich, wie das eigenartige Nichtverhältnis zugespitzter Aphorismen zur Welt und ihrem Widerstand nicht so weit weg ist von der zwanglosen Genauigkeit einer Musik, die einem zunächst ganz zufällig im Ohr bleibt und sich plötzlich mit einem erst halb gedachten Gedanken zur Vollständigkeit verbindet.
Solche goldenen Sätze nämlich, insbesondere so sie aus Tagebüchern, Arbeitsjournalen und autobiographischen Notizen stammen, interessieren schon eine Weile den Komponisten und ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Was für eine Stadt! Gegen 23 Uhr arbeitet sich die Berichterstatterin einsam, Pfeifen hilft, am Parkrand entlang zum nicht minder leeren Boulevard, der eine Art Zentrum markiert. Beate Uhse und Rossmann flimmern verlassen vor sich hin, letzte Kunden drängeln am Tresen von McDonald’s. Vom stillen Hotel aus der Blick auf den stillen Opernplatz – kein Mensch, kein...
Liebe? Doch wohl eher ein Großmeisterturnier in Wortverdreherei. Wer «Was ihr wollt» in Thomas Braschs Shakespeare-Übersetzung 20 Jahre später wiederliest, findet ein Blitzschach von Sprachzügen, in dem sich qualmende Hirne mit halsbrecherischen Eröffnungen gegenseitig aufs Kreuz legen, einander mitleidlose Matt-Schlachten und Stellungskriege liefern, bis die...
Das ist kein Hörspiel», raunte die Stimme. «Das ist die Wahrheit!» In diesem Moment ahnte man es bereits: In der kurzen Pause, die entstand, während das Tonband weiterleierte, einem fahrigen, immer wieder vom Knacken der Stopp- und der Aufnahmetaste unterbrochenen Selbstgespräch entgegen, nahm ein Phantom Gestalt und Namen an, das der Wettbewerb sich hätte erfinden...
