Böses Märchen, böse Mädchen
Das ist der Stoff, aus dem ein Alptraum ist: Wenn sich die zuverlässige ältere Dame, die stets über den Dingen stehende Hüterin des menschlichen Miteinanders, plötzlich als Vampir entpuppt. Dass man von fremden Onkels keine Schokolade nehmen darf, weiß man. Aber auch nicht von der Tante? Das Größte in Richard Eyres Film «Tagebuch eines Skandals» («Notes on a Scandal», 2006) ist die Infamie. Das Beste sind die Hauptdarstellerinnen. Dame Judi Dench und Cate Blanchett.
Dench, die 72-jährige Shakespeare-Darstellerin, im Kino bekannt als «M» aus den Bond-Filmen, als «Iris» Murdoch oder aus «Chocolat», ist hier Barbara, eine so resolute wie illusionslose Lehrerin an einer Londoner Problemschule.
«Wir sind eine Zweigstelle des Sozialamts», erklärt sie der neuen Kunstlehrerin Sheba, der sie soeben bei einer Schülerschlägerei zur Hilfe gekommen ist. Die 37-jährige Blanchett («Herr der Ringe», «Babel») ist in dieser Rolle die reine Versuchung: strahlend schön, hingebungsbereit und ungeheuer verletzbar. Einmal in dieser Haut durch die Stadt gehen, und dann den Rest des Lebens zuhause hinter der Sonnenbrille davon zehren! Auch Barbara ist der jungen Kollegin zum Zeitpunkt dieser Szene längst ...
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Man kann die Frau nur beneiden: Sie hat es aus ihrer bröckeligen Schwarzmeer-Heimat bis in die mitteleuropäische Hauptstadt geschafft, die neue Villa wurde von abstiegsbedrohten Alteigentümern vermutlich günstig abgelöst, zwei muntere blonde Knaben tollen übers Parkett, im Zimmer steht der neueste Designer-Chic, an der Wand zwei Quadratmeter Plasmascreen, edle...
Gestorben
Legendär war sein Auftritt in Volker Brauns «Übergangsgesellschaft», wenn er als alter Kommunist und verdienter Spanien-Kämpfer Wilhelm Höchst auf dem Boden sitzt, Westfernsehen guckt und Sätze sagt wie «Der Sozialismus kann nicht als Diktatur zum Ziel kommen». 1988, ein Jahr vor dem Mauerfall, war diese Fortschreibung von Tschechows «Drei Schwestern»...
Nahezu am selben Novembertag, als dieses Stück eines jungen iranischen Autors in Köln seine Uraufführung erlebte, betrat ein bis an die Zähne mit Schusswaffen und Bomben bewaffneter Achtzehnjähriger im münsterländischen Emsdetten seine ehemalige Schule, um rund 30 Personen zu verletzen und schließlich sich selbst zu töten. Ob in diesem Fall die Fiktion die...
