Nürnberg: Zwei Schlüsse
Sieht ein bisschen so aus, als würden jetzt gleich «Glückliche Tage» beginnen, und im nächsten Moment müsste Winnie sagen: «Wieder ein himmlischer Tag.» Die Schauspielerin Ulrike Arnold sitzt in der Mitte der Bühne des Nürnberger Schauspielhauses, leicht erhöht und eingehüllt in einen seidenen Vorhang, der sich über die gesamte Fläche ergießt und auf allen Seiten hinaufreicht bis in den Schnürboden. Edel mutet das an, nicht so schäbig karg wie bei Beckett.
Dann wird der Stoff ruckartig weggezogen – aber der Blick geht nicht in eine versengte Grasebene, sondern in ein etwas unaufgeräumtes Zimmer mit Pariser Interieur. Und die Frau steckt nicht in einem Hügel fest, sie hockt im Bett.
Also doch nicht Beckett. Dabei lag man mit der ersten Annahme gar nicht so falsch. Denn eigentlich wollte Altmeister Dieter Dorn das gallige Endzeit-Stück des Iren schon inszenieren, kombiniert mit Georges Feydeaus harmloser Salonfarce «Herzliches Beileid». Doch die Beckett-Erben erhoben kurzfristig Einspruch, und so gab es in Nürnberg nur den halben Abend zu sehen. Dass da etwas fehlte, ein Reibungspunkt, ein Widerspruch, ein Stachel, spürte man schnell: Nach knapp einer Stunde war der Spaß vorbei, ...
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Theater heute Juli 2019
Rubrik: Chronik, Seite 65
von Bernd Noack
Am Anfang war: ER. Der Mensch als Maß aller Dinge, damit er über die Fische im Meer und die Vögel am Himmel, über das Vieh und alle wilden Tiere und über alle Kreaturen, die sich über den Boden bewegen, herrschen konnte.
Er trennte sich vom Tanzen und Rezitieren des griechischen Chorus und sprach: «ICH» – die Geburt des tragischen Helden. Von dort ging er hinaus...
Wie leicht es doch ist, aufzufallen in unserer (selbsterklärtermaßen) toleranten, offenen Gesellschaft! Ein ungewohnter Laut im Theater, ein Zucken des Kopfes in der U-Bahn, ein unkontrollierter Ausruf am Strand: Menschen mit Tics können ein Lied davon singen. Leises Pfeifen, Zungenschnalzen und Miau-Laute sind der Sound, mit dem «Chinchilla Arschloch waswas....
Das Theater, sagt Arthur Miller, kann nur Wahrheiten enthüllen, die schon bekannt waren, aber noch nicht als Wahrheiten erkannt worden sind. Welche Wahrheiten hat das Düsseldorfer Schauspielhaus enthüllt?
Wahrheit Nr. 1:
Das Theater ist eine Baustelle
Zunächst einmal war das Theater mit sich selbst beschäftigt. Nicht mit seiner Kunst, sondern mit seinem Gebäude....
