Anschlusschor
Der im März 1938 erfolgte «Anschluss» Österreichs an Deutschland wird stets mit Anführungszeichen geschrieben, weil es sich dabei um einen Nazi-Begriff handelt. Durchgesetzt hat er sich trotzdem. Noch heute, 75 Jahre danach, spricht
niemand von Annexion oder Überfall. Vielleicht, weil «Anschluss» diese gar nicht so feindliche Übernahme dann doch noch am besten trifft. Lange war der «Anschluss» ein blinder Fleck im österreichischen Selbstverständnis, eine offene Wunde. Noch 1988, als zum 50.
Jahrestag am Burgtheater Thomas Bernhards «Heldenplatz» uraufgeführt wurde, war das ein Skandal.
Und heute? Für sein Projekt «Land der Lämmer» hat der Linzer Schauspieldirektor Gerhard Willert zehn heimische und internationale Autorinnen und Autoren um Texte für ein «dramatisches Kaleidoskop zum 12. März 1938» gebeten. Manche Autoren scheinen den Auftrag nicht so genau gelesen zu haben. Zum Beispiel passt Falk Richters Text «My Secret Garden» über erwachsene Söhne und Töchter, die sich an ihre Väter erinnern, nur sehr indirekt zum Thema. Auch der – nicht unwitzige – Prekariatsmonolog der Poetry-Slammerin Mieze Medusa bewegt sich am Rande der Themenverfehlung.
Bei Robert Schindel wiederum geht ...
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Theater heute Juli 2013
Rubrik: Chronik: Linz Landestheater, Seite 65
von Wolfgang Kralicek
Vor knapp einem halben Jahrhundert wurde, so heißt es, unter Kurt Hübner in Bremen das Regietheater erfunden: Unter anderem 1966, mit Peter Zadeks Skandalinszenierung «Die Räuber», die Schillers Debüt nicht stürmend und drängend als Leidenschafts–überschuss deutete, sondern als bis ins Letzte ausgeleuchtete Bigger-than-life-Kolportage, für die Wilfried Minks ein...
Zwei Performer an einem Tisch. Sie machen uns nichts vor. Ihre Rolle auf der Bühne beschränkt sich auf die von Technikern: Sie befestigen an quer durch den Raum verlaufenden Schnüren Tafeln, auf denen in fotorealistischem Stil gehaltene Bildausschnitte zu sehen sind, die sich ganz allmählich zu einem Vorhang zusammenfügen, zu einem Mosaik aus Momentaufnahmen. Die...
Ich erinnere mich: 1995, im Sommer, nach zwölfjähriger Abwesenheit, war ich heimgekehrt in meine Stadt, die nun wieder eine ganze war, und eben verhüllten Christo und Jeanne-Claude den Reichstag. Ja, wirklich! Ausgezogen aus der Stadt zum ersten Mal war ich im Totalen Krieg. 1943 nach Franken, wo es Nazis gab wie Sand am Meer. Als Einzelkind. Meine Mutter hatte es...
