Ficken ist retro
Der Gegenwartsautor ist im Zeitalter von Projekten und omnipotenten Regisseuren zu einer knöchernen Existenz erstarrt: altmodisch, lästig, rückständig in seinem Beharren auf Sprache, anmaßend in dem Glauben, einem Text könne vertraut werden.
Katharina Schmidt, Jahrgang 1980 und Absolventin des Studienganges «Szenisches Schreiben» an der Universität der Künste Berlin, demonstriert mit ihrem Text «Maxi-Singles» diese Vorgestrigkeit auf vorbildliche und verblüffende Weise: Die Figuren ihres Theaterstücks verfügen über eine klar umrissene Psychologie, sie haben Namen wie Jana und Tom, werden als sozial verortbare Individuen erkennbar und unterhalten sich – oh, Wunder! – in Dialogen. Das Ganze liest sich, als hätte es die letzten Jahrzehnte an Formalwagnis, Epik, Fragmentierung des Ichs und Antidramatik nicht gegeben, unbelastet, absolut gegenwärtig, witzig und mutig in seinem Zugriff auf die Mittel des Theaters.
Hierzu die Autorin selbst, ein kurzes Dialogzitat:
ELKE: Ich studiere Theaterwissenschaften, und du?
TOM: Ich schreib Theaterstücke.
ELKE: Echt? Ist ja abgefahren!
TOM: Grad hab ich eins in der Mache, Titel: «Heute so, morgen gestern». Ist eine Replik auf die postdramatischen ...
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Was für Regeln gelten für die 38 Kritiker, die auch in dieser Spielzeit wieder die Schauspieler, Inszenierungen, Stücke und Bühnen des Jahres gewählt haben? Eigentlich keine, außer dass sie ihre Voten rechtzeitig einsenden müssen. Ansonsten sind sie nur sich, dem Theaterhimmel über ihnen und ihren persönlichen Regelwerken verpflichtet.
Auf den folgenden Seiten das...
Es war einmal ein namenloser Diener, der von seinem Herrn, einem gewissen Capulet aus Verona, eine Gästeliste in die Hand gedrückt bekam und darauf starrte wie jenes sprichwörtliche Schwein in jenes sprichwörtliche Uhrwerk. Der Kerl konnte weder lesen noch schreiben und hatte dennoch einen Auftrag zu erfüllen, der von ihm verlangte zu wissen, was geschrieben steht....
Was soll man heute unter realistischem Theater verstehen?
Brecht hat Vorschläge gemacht, sie haben sich leider überholt. Wenn die Sinnproduzenten auf dem Trockenen sitzen, die Werte immer unbezahlbarer werden und der Fortschritt Pause macht, müssen sich Kunst und Leben neu sortieren. Schließlich kann man nicht immer nur Tschechow spielen, und Bürgerspiele sind auch...
