«Theater ist so ein Zusammending»
Ist die das Käthchen?», fragt die Frau um die Dreißig bei Spielbeginn erstaunt ihre Nachbarin. Sarah Viktoria Fricks Käthchen von Heilbronn steht indes als wenig ätherisches Wesen, dafür wie eine zwölfjährige Göre vor Inbrunst leuchtend neben dem still unter ihrer Anwesenheit leidenden Graf vom Strahl (Nicola Mastroberardino). Stimmt, sie ist nicht die klassische Besetzung, sondern eine, bei der man anders hingucken muss.
Meistens bringen ihre Figuren nicht die besten Startbedingungen mit, manchmal stehen sie unter leidenschaftlichem Überdruck wie ihr Käthchen, sind verdrossene Problemfälle wie ihr Puck oder abgründige Aussätzige wie ihre gelähmte Tänzerin im «Woyzeck». Immer aber sind die exzessiven Menschen, die ins Zentrum der Inszenierungen David Böschs rücken, voller unerfüllbarer Bedürfnisse und Sehnsüchte, extremem Liebesverlangen und Verletzlichkeiten. In seichte Gefilde führt das nie. Die großen Gefühlsladungen in Fricks Spiel werden zuverlässig gebrochen, was nichts an ihrer tragikomischen Wahrhaftigkeit ändert. Und das ist nicht nur für die von Bösch erzählten Geschichten, denen Comic und Pop, Kitsch und Medien, kurz: jede Alltagskultur als selbstverständlicher Zeichen- ...
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Die Frage ist: Wie deutlich muss man werden? Seit Jahren läuft zwischen Theatermachern und -kritikern immer dasselbe Spiel: Die Regisseure inszenieren so drastisch wie möglich, die Rezensenten werfen ihnen Plattheit vor, und am Ende heißt es immer, man solle den Zuschauer doch nicht für dumm erklären, er würde das auch so verstehen.
Nun kann man sich auf den...
«Das Fest ist das Gegengift zur Leistungsgesellschaft! Seien Sie unser Gast, legen Sie den Zuschauer ab, geben Sie Ihre vom Theatersitz gefesselte Haltung auf.» Vermutlich locken solche Sätze kaum jemanden mehr als die Kritikerin, deren Arbeitsplatz genau der Theatersitz ist, auf dem sie – komme, was da wolle – präzise beobachten, gescheit analysieren und...
Nein, besonders interessiert hätten Kinder sie nie, hat Helen Levitt einmal zu Protokoll gegeben. «Sie waren einfach da, auf der Straße.» Einfach da: So unsentimental bringt die große alte Dame der amerikanischen Fotografie ihre Arbeit auf den Punkt. Eine Arbeit über fünf Jahrzehnte mit einem ungewöhnlich schmalen, aber scharfen Fokus: Abgesehen von den Erträgen...
